|
Zur Sozialgeschichte des Protestantischen Stadt- und Kirchenbaus im Osterwieck des 16. Jahrhunderts
Von Klaus Thiele, Wolfenbüttel
Blankenburger Str. 9, 38302 Wolfenbüttel, Tel.05331 73988, Thiele-Wolfenbuettel@t-online.de
Gliederung:
1.These Seite 1
2. Vorbemerkung Seite 2
3. Osterwieck im Mittelalter Seite 2
4. Ost erwieck zu Beginn des 16. Jahrhunderts Seite 3
5. Überlieferungen aus dem 16. Jahrhundert Seite 4
6. Siedlungsgeographische Überlegungen im Spiegelbild der Türkensteuerliste Seite 4
7. Die Überlieferungen an den Häusern und in der Kirche St. Stephani im Spiegel
der Türkensteuerliste und der Zinslisten der Kirchengemeinde. Seite 6
7. 1. Vermögen der Kirchengemeinde Seite 6
7 . 2. Zinslisten Seite 7
7. 2.1. Darlehensverlauf Seite 7
7. 2.2. Zinshöhe Seite 9
7. 2.3. Zinshöhe in verschiedenen Straßenvierteln Seite 9
8. Kirchenvorsteher und Ratsherren als Darlehensnehmer der Kirche Seite 10
8. Nach inschriftlichen Befunden an den Häusern Seite 10
8. 2. Verewigungen von zinspflichtigen Kirchenvorstehern
und Ratsherren in der Kirche St. Stephani Seite 11
8. 2.1. Verewigungen der Kirchenvorsteher Seite 11
8. 2.2. Verewigungen von Ratsherren Seite 12
8. 2.3. Gemeinsame Verewigungen von Stadtobrigkeit und Adel
über der Gildenprieche Seite 12
9. Die Osterwiecker als Hausgenossen Gottes in der
Kirche und Glaubenszeugen an den Häusern ihrer Stadt Seite 13
9.1 Hausgenossen Gottes in der Kirche Seite 13
9. 2. Bekenntnis zum protestantischen Glauben an den Häusern Seite 14
9 .2.1. Hausinschriften nach Psalmen Seite 14
9. 2.2. Hausinschriften mit protestantischen Devisen Seite 16
10 . Osterwieck als Protestantische Ecclesia des 16. Jahrhunderts Seite 17
11. Und ein Letztes Seite 19
1. These
„Protestantischer Stadt- und Kirchbau im Osterwieck des 16. Jahrhunderts“ – Gleichzeitigkeit und Zusammenklang von Stadt- und Kirchenbau und Reformation - so im Thema verdichtet ist das meine These.
Dabei ist die Tatsache, daß praktisch alle Häuser und zum Teil auch die zwei Kirchen einer schon Jahrhunderte alten mittelalterlichen Stadt im 16. Jahrhundert vollständig neu erbaut worden sind, erstaunlich genug. Noch bemerkenswerter aber sind die Art und Weise und die besonderen Umstände, unter denen dies geschah. Denn nur zwei bis drei Generationen haben diese Stadt in der kurzen Zeit zwischen der Reformation – der erste protestantische Pfarrer wurde schon 1535 berufen - und dem Dreißigjährigen Krieg in den Prototyp einer „Stadt des Reformations-Jahrhunderts“ verwandelt.
2. Vorbemerkung
Ausgangs- und Angelpunkt für das hier Dargestellte ist die fast zwei Jahrzehnte lange Beschäftigung mit der Haupt-Kirche dieser Stadt, St. Stephani, also „Kirchengeschichte“ in des Wortes wörtlichster und engster Bedeutung. Kommt aber Kunst-, Orts-, Regional-, Reichs- und Konfessionsgeschichte hinzu, so wird aus solcher zunächst objektbetriebenen „Kirchengeschichte“ schnell Geschichte im umfassendsten Sinne. So ähnlich mag es dem Kirchengeschichtler und Mittelalterhistoriker Michael Borgolte ergangen sein, dem sich das Aufeinandertreffen der Religionen von „Christen, Juden und Muselmanen als Erben der Antike“ zum „Aufstieg des Abendlandes“ als 1. Band der gerade neu erschienenen „Siedler Geschichte Europas“ weitete. Wo aber wird für solche Geschichtsdeutung über Religiosität und Volksfrömmigkeit, über Religions- und Konfessionsgeschichte mehr erfahrbar und augenscheinlicher als in unseren alten Kirchen? Sie führen uns hinein in die Zeit, in der sie entstanden sind und in das Denken, Fühlen und Erleben derer, die sie erbaut und immer wieder umgestaltet haben. Kirchen reden zu uns durch die ihnen innewohnende Geschichtlichkei
3. Osterwieck im Mittelalter
„Nicht die anstossenden Nachbarn, sonder Rathaus Kirche und Schule sind meine Hüter und Gott mein Begleiter. Solange das Rathaus in Blüte steht, die Kirche gedeiht, die Schule bleibt und Gott der Schirmherr ist, gedeihe, blühe und bleibe auch ich“.
Diese Hausinschrift stammt zwar erst aus dem Jahr 1677, aber niemals vorher noch später ist die für die Stadt Osterwieck so existentiell wichtige, geradezu symbiotische Verknüpfung mit ihrer Kirche St. Stephani so treffend ausgedrückt! In zwölf Jahrhunderten historisch gewachsen, galt dies immer und sollte auch für die Gegenwart als unverzichtbar und lebensnotwendig anerkannt werden.
Die Symbiose von Stadt und Kirche hat ihre Wurzel im Wirken der christlichen Missionare im Nordharzer Bereich. Die Stichworte „Karl der Große“ und „Missionszentrum Saligenstedt 780“ sowie „Otto II.“ und „Erstes Münz- und Marktrecht im Bistum Halberstadt 974“ sollen hier für das Mittelalter genügen, zumal dies alles 2004 auf Symposien in Osterwieck und Halberstadt ausführlich abgehandelt wurde und inzwischen nachlesbar ist.
Das älteste Stadtsiegel Osterwiecks, das am Ende des 13. Jahrhundert entstanden sein dürfte, symbolisiert bereits die enge Verbindung von Stadt und Kirche: Umschrieben mit den Worten „Siegel der Bürger von Osterwieck“ zeigt es eine Turmfront, in deren Mittelbau der Erz- und Protomärtyrer Stephanus mit Palmzweigen und Steinen dargestellt ist.
Für das hochmittelalterliche Osterwieck wies der Braunschweiger Siedlungsgeograph Meibeyer auf dem Osterwiecker Symposium 2004 auf einen Altstadtkern um einen exzentrisch darin gelegenen Kirchen- und Vogteibereich herum hin, der vermutliche Mauerring dieser mittelalterlichen Stadt ist noch heute an den Straßenzügen Sonnenklee-Rosmarinstraße-Mittel(Neukirchen)straße-Stobentwete und dem Verlauf der Mühlen-Ilse erkennbar.
Außerhalb dieser Altstadt muß es um die Kirche St. Nikolai aus dem frühen 13. Jahrhundert einen weiteren Siedlungskern gegeben haben. Denn direkt westlich dieser Kirche befand sich der zum Walkenrieder Kloster Schauen gehörige, 1341 erstmals genannte Walkenrieder Klosterhof und östlich von St. Nikolai liegt der „Bunte Hof“, dessen Name nach alter, allerdings urkundlich nicht gesicherter Überlieferung von „Bundeshof“ als Treffpunkt sächsischer Adeliger gegen Heinrich IV. abgeleitet wird. Seit Beginn des 16. Jahrhunderts war hier der Osterwiecker Rössing’sche Adelssitz.
4. Osterwieck zu Beginn des 16. Jahrhunderts
Aus diesen beiden Polen um die romanischen Kirchen - St. Stephani, in der Altstadt der bischöflichen Vogtei benachbart und unter dem Patronat des Domkapitels stehend und der etwas neueren Kirche St. Nikolai, für die außerhalb des mittelalterlichen Mauerrings schon im 13. Jahrhundert der Rat der Stadt zuständig war - hat sich vermutlich erst im 16. Jahrhundert die neuzeitliche Stadt entwickelt. Und nicht zufällig dürfte es sein, daß das Leitzeichen des Niedersächsischen Fachwerkstils, die auf den Fußwinkelhölzern stehende Fächerrosette, an den „Herrschaftsbauten“ dieser beiden Zentren, dem um 1900 abgerissenen ältesten Teil des „Buntes Hofes“ und der bis heute erhaltenen „Alten Vogtei“ in der Schulzenstraße 3, 1530 zum ersten Mal in Osterwieck nachweisbar ist.
Angesichts der zwar langen aber an archäologischen Befunden und Archivalien relativ stummen mittelalterlichen Geschichte der Stadt ist abzuklären, warum es in Osterwieck heute keine mittelalterlichen Häuser und nur noch zwei Häuser aus dem 15. Jahrhundert gibt und aus welchem Grunde und unter welchen Umständen die Stadt städtebaulich am Beginn des 16. Jahrhunderts den Sprung in die Neuzeit machte, dem wir das bis heute in so einmaliger Weise geschlossene und frühprotestantisch geprägte frühneuzeitliche Stadtbild verdanken.
Dabei wird immer wieder die Kirche St. Stephani im Brennpunkt stehen. Der Neubau ihres Kirchenschiffs von 1552-1557 nur 7 Jahre nach der Einweihung der Torgauer Schloßkirche war das erste größere Bauvorhaben, das von einer protestantischen Stadt von Beginn an geplant und vollendet werden konnte. 17 Jahre nach Einführung der Reformation in der Stadt war es ebenso die Krönung ihrer baulichen Erneuerung, wie aus dem nur zwei Jahre nach dem Augsburger Religionsfrieden in einem noch katholischen Fürstbistum vollendeten Kirchenschiff die Religiosität seiner Erbauer in die Stadt ausstrahlte und das Äußere der bis zum 30jährigen Krieg errichteten Häuser bestimmte. Daß dabei das unter der Aufsicht des Rates von den Kirchenvorstehern verwaltete Kirchenvermögen nicht angegriffen sondern städtebaulich eingesetzt wurde, ist ein bisher nicht bekannt gewesener Aspekt und das erste Indiz für das, was sich auch weiterhin als spezieller „Osterwiecker Weg“ eines gleichzeitigen protestantischen Stadt- und Kirchenbaus abzeichnen wird. Weitere Indizien für diesen Sonderweg finden sich auch in den anderen Überlieferungen aus dem 16. Jahrhundert.
5. Überlieferungen aus dem 16. Jahrhundert
Dies sind:
- die inschriftlichen Überlieferungen an 138 oder 36,7 % der bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges erbauten Osterwiecker Fachwerkhäuser,
- die bildlichen und inschriftlichen Überlieferungen im Kirchenschiff von St. Stephani,
- die „Ratstabula“ im Osterwiecker Rathaus,
- Angaben aus den Kirchenvisitationsprotokollen von 1564 und 1589,
- die „Türkensteuerliste“ der Stadt Osterwieck aus dem Jahr 1531,
- die Zinslisten der Kirchengemeinde im Kirchenabrechungsbuch von 1537-1572,-1596 u. -1621 und
- eine Nachricht aus dem Stadtbuch von 1353 zum Jahr 1495.
Im Osterwiecker Stadtbuch von 1353“ findet sich zum Jahr 1495:
„Im Jahre des Herrn 1495 in der Nacht nach dem Sixtus-Tag [6. August] stürzte eine unerhörte Wasserflut vom Berg herab und überflutete plötzlich Osterwieck, riß Mauern ein, die Gräben und Häuser, ließ das Großvieh und Kleinvieh ertrinken, und den Bewohnern stellte sich unerhörter Schaden ein, den im einzeln zu erklären viel zu schwer ist. Diese Flut nämlich bedeckte den Friedhof St. Stephani bis an das Fundament der Kirche. Schließlich kam man überein, daß man weder früher noch vorher gehört habe, daß solch schreckliche und überraschende Fluten über die Erde nach der Eiszeit geschwemmt wären, wie sie im vorbenannten Jahr an so vielen Orten wüteten.“
Wie sah die Stadt aus, über die das Unglück so hereinbrach?
6. Siedlungsgeographische Überlegungen im Spiegelbild der Türkensteuerliste
Die Beantwortung dieser Frage wird dadurch erschwert, daß es einen wirklich alten Stadtplan von Osterwieck gibt. Der Vergleich des ältesten verfügbaren Plans von 1884 mit dem heutigen Stadtplan, in dem zusätzlich die historischen Fachwerkhäuser entsprechend ihrem Erbauungsjahr gekennzeichnet markiert sind, zeigt aber, daß sich die Grundstückgrenzen seit 1884 nicht wesentlich geändert haben. Da aber die eine Hälfte (51%) aller heutigen Häuser noch vor 1720, die andere Hälfte, ebenfalls überwiegend Fachwerkhäuser, von 1720-1900 entstanden sind, dürfen wir davon ausgehen, daß auch die heute noch bestehenden Grundstückgrenzen sehr alt und ursprünglich sind.
In dem von Meibeyer als hochmittelalterlicher Altstadtbereich (siehe Abb. S. 3 u. 5) bezeichneten Teil der Stadt kann man trotz der großen Flächen, die Kirche, Pfarre, Vogteihof, Rathaus und Markt einnehmen, heute etwa 148 Grundstücke auszählen, wobei dabei eine an die Mauer angelehnte, im Mittelalter durchaus üblich gewesene Bebauung ebenso wenig angenommen wurde, wie es in dem Teil der Altstadt, der 1884 vom Stadtbrand betroffen und neu bebaut wurde (siehe oben flächige Einfärbung), vermutlich wesentlich mehr Grundstücke gegeben haben dürfte, als sich heute in diesem Bereich auszählen lassen.
Das Türkensteuerregister des Jahres 1531 weist unter den 320 Steuerpflichtigen in Osterwieck nicht mehr als 212 Hausbesitzer aus. Aus den kirchlichen Visitationsberichten von 1564 und 1589 geht aber hervor, daß nur 34 und 58 Jahre später die Anzahl der Hauswirte in Osterwieck schon auf 400 und 500 angewachsen war. Wenn man für die 36 Jahre zwischen der Flutkatastrophe 1495 und dem Türkensteuerjahr 1531 eine ähnlichen Dynamik der Bevölkerungszunahme annimmt, darf man schließen, daß vor 1495 die Einwohner der Stadt tatsächlich auf den mindestens 148 - wahrscheinlich mehr - Grundstücken innerhalb des von Meibeyer angenommenen hochmittelalterlichen Mauergürtels gewohnt haben und der Katastrophenbericht des Stadtbuchs sich im wesentlichen auf diesen Altstadtbereich bezieht.
Weil dabei der damals die Stadt durchfließende Tralle-Bach eine besonders zerstörende Rolle gespielt haben dürfte, wurde er gleichzeitig mit dem Neubau der erweiterten Stadtbefestigung in der Stadt trockengelegt und außerhalb derselben in den südlich um die Stadt herumgeleiteten neuen Hauptarm der Ilse (Laken-Ilse) eingeleitet. Schon unter Erzbischof Ernst wurde 1503 damit begonnen, ein östlich der Stadt gegen die Ilse angelegter Wall dürfte dann später in den unter Kardinal Albrecht bis 1540 vollendeten Mauerring einbezogen worden sein.
Die zerstörende Wirkung des Tralle-Bachs erklärt auch, warum innerhalb des mittelalterlichen Mauerrings nur gut fundamentierte und etwas höhergelegene Steinbauten, wie die Kirche St. Stephani und Teile des Rathauses das Flutjahr so unbeschädigt überstanden haben, daß sie nicht nach und nach erneuert werden mußten – eine ähnliche Schädigung der Häuser durch Wasser ist ja auch die Ursache dafür, daß es in Wolfenbüttel kaum Fachwerkhäuser aus der Zeit vor den Überflutungen der Stadt im 30jährigen Krieg gibt. Der von Meibeyer als „Vordorf“ bezeichnete Bereich dürfte so erst nach 1500 mit dem Kapellentor ebenso in den frühneuzeitlichen letzten Befestigungsring einbezogen worden sein wie nun auch der bis dahin außerhalb des mittelalterlichen Mauerrings gelegene Siedlungskern um die romanische Nikolaikirche mit „Buntem Hof“ und „Walkenrieder Klosterhof“.
Nach dort zielte die nach Süden gerichtet Achse der Stadterneuerung des 16. Jahrhunderts mit einer „Großen-Neukirchenstraße“ östlich und einer „Kleinen Neukirchenstraße“ westlich von St. Nicolai. In der heutigen Altstadt ist dies städtebaulich ebenso ein neustädtischer Bezirk des 16. Jahrhunderts wie der östliche Teil der Kapellenstraße. Daß fast alle Häuser in diesen beiden Stadtvierteln erst nach 1500 erbaut worden sind, ist nach dem aus der Auszählung der Grundstücke schon Abgeleiteten der nunmehr zweite, städtebauliche Hinweis darauf, daß die Stadtbefestigung mit Kapellen- und Neukirchentor tatsächlich erst in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts entstanden ist.
Dies blieb das Grundgerüst der Stadt bis zum Fall der Mauern im 19. Jahrhundert.
7. Die Überlieferungen aus der Türkensteuerliste und den Zinslisten der Kirchengemeinde.
7.1. Vermögen der Kirchengemeinde
Die inschriftlichen Überlieferungen an den Häusern der Stadt, die Verewigungen ihrer Bürger in der Kirche und die „Türkensteuerliste“ von 1531 waren schon immer gern genutzte Quellen für die Stadtgeschichte Osterwiecks. Keine Berücksichtigung fanden bisher die Zinslisten der Kirchengemeinde von 1537-1572. Die Verknüpfung der darin enthaltenen Namensnennungen mit den aus der Türkensteuerliste sowie den von den Häusern der Stadt und aus den Verewigungen in der Kirche bekannten Namen, vor allem aber die aus den Zinslisten erkennbare städtebauliche Nutzung des Kirchenvermögens erlaubte neue und bisher nicht möglich gewesene, sichere Aussagen darüber, unter welchen Umständen und von wem die Stadt und ihre Kirchen im 16. Jahrhundert neu erbaut worden sind.
Nach der Türkensteuerliste“ von 1531 waren „Herwich Peineman und Hans Wertte“ als „Vorstender der Kirchen“ mit „5fl“ für „alle Ihr einkommen über die ausgeleiht CCL“ veranlagt Die Kirche besaß also 250fl, die sie ausgeliehen hatte. Dies Vermögen entsprach etwa einem Wert von 25 Morgen Land.
Auch nach den Kirchenvisitationsprotokollen von 1564 und 1589 verfügte die Kirchengemeinde lediglich über „Capitalzinse“ und zwar in Höhe von 35fl 12gr im Jahr 1564 und 43fl 11gr 1589. Unter Zugrundelegung des aus den Kirchenbüchern erkennbaren Zinssatzes von 5% entsprachen die Zinseinkünfte einem Kirchenvermögen von 720fl im Jahr 1564 und 880fl 1589.
Auf Grund der ältesten vollständig überlieferte Zinsliste läßt sich für das Jahr 1538 ebenfalls schon ein Kirchenvermögen von 757fl ermitteln. Warum die Vorsteher 1531 nur 250fl angaben, darüber kann man nur nachdenken, entweder haben auch sie sich „heruntergerechnet“ oder anläßlich der Einführung der Reformation 1535 wurden Einkünfte, die bis dahin dem Priester oder dem domkapitularischen Patronat zustanden, der Kirchengemeinde zugeteilt.
Das von den Vorstehern der Kirche St. Stephani verwaltete, 1545 schon auf 802fl angewachsene Vermögen verminderte sich dann während der Bauzeit des Langhauses nur wenig auf 692fl, um bald wieder die alte Höhe zu erreichen. Es wurde für den Neubau des Langhauses nicht angegriffen, vielmehr wurde die dafür in den gleichen Rechnungsbüchern abgerechneten Kosten in Höhe von fast 3000fl zu 87% vom Rat der Stadt bezahlt.
Wie statt dessen das Kirchenvermögen genutzt wurde, lassen nunmehr die Zinslisten sehr eindeutig erkennen. Die Auswertung von 2358 Zinszahlungen aus den Jahre von 1537-1572 ergab zunächst die überraschende Feststellung, daß durchschnittlich immer 94 Bürger der Kirche zinspflichtig waren, gleich für das Jahr 1538 z. B. trifft dies genau zu. Bezogen auf die nur 7 Jahre ältere Türkensteuerliste von 1531 waren also ca. 30% der dort Steuerpflichtigen oder 40% der dort als Hausbesitzer Genannten der Kirche zinspflichtig.
7.2. Zinslisten
7.2.1. Darlehensverlauf
Die Zinspflichtigen wurden von den Kirchenvorstehern entsprechend der zu den 3 Stadttoren führenden Hauptstraßen in 3 Stadtviertel-Listen geführt: Schulzenstraße, Neukirchenstraße und Kapellenstraße (Straßenzüge wie in der Abbildung unten).
Die jährlichen Listen wurden von den Kirchenbuchführern in der Regel abschriftlich in das nächste Jahr übernommen und lediglich durch Streichungen und Zufügungen aktualisiert. Dies zeigt die rechte der aufgeschlagenen Kirchenbuchseiten mit der „Inname zinse der Capellenstrate Ao 1554“: in der 14. Zeile von oben wird für die Zinssumme von 20pfg vom Namen des „Hans Loff“ der Nachname gestrichen und durch „Callmeyer“ ersetzt, der dann in den Zinslisten der nächsten Jahre weiterhin in der gleichen Reihe so steht. Drei Zeilen tiefer ist der Bürgermeister „Michel Stigeler“ mit 20gr eingetragen, nachdem er zu Beginn des Jahres 1555 sein Darlehen von 10fl zurückgezahlt hat (siehe die re. Abb. und Text auf S. 9) findet sich sein Name in den Zinslisten ab 1555 nicht mehr.
Dies findet auch in den Diagrammen Ausdruck, in denen die Darlehensverläufe, so wie sie sich aus den Kirchenbüchern für die drei Straßenviertel ergeben, graphisch darstellt sind.
Jede durchlaufende Farbe symbolisiert den Namen eines Darlehensnehmers. Wenn sich in den Zinslisten bei gleichbleibendem Nachnamen nur die Vornamen ändern, das Darlehen also erkennbar in einer Familie bleibt, ist dies in den Diagrammen durch den Wechsel zwischen violett und grün dargestellt. Wenn sich dagegen der Nachnahme bei unveränderter Zinssumme ändert, wechseln im Diagramm die Farben zwischen rot und blau. Löst somit ein Darlehensnehmer einen anderen ab (rot/blaue Reihen) findet sich mitunter ein Name durchgestrichen und durch den eines anderen ersetzt, der dann in den folgenden Jahren die gleiche oder, nur ausnahmsweise, eine veränderte Zinssumme zahlt. Meist fällt aber ein Name einfach nur weg und der des nächsten Schuldners erscheint in der gleichen Zeile der Zinsliste des folgenden Jahres. Ob dies seinen Grund in Rückzahlung und Neuvergabe des betreffenden Darlehens hat oder nur das beliehene Objekt - oft wird dafür ein Haus direkt genannt - seinen Besitzer gewechselt hat, ist nur ausnahmsweise zu erkennen, diesbezüglich ist die Buchführung zu wenig aufschlußreich, vieles spricht aber dafür, daß das letztere häufig der Fall war. In späteren, preußischen Zeiten (siehe Abb. rechts) wird immer ein Haus als Sicherheit genannt, zuletzt sogar unter Angabe der Feuerversicherungssumme.
Wenn Schuldner ihrer Zahlungspflicht nicht nachkommen konnten, wurden sie in „Retardaten“ Listen aufgenommen, erst nach 5 Jahren wurden solche Retardaten der Hauptsumme zugeschlagen und mußten dann verzinst werden (siehe die linke der beiden Kirchenbuchseiten).
Rückzahlungen, „Genedderlegung der Hauptsumme“ genannt, sind in den ersten beiden Kirchenbüchern bis 1598 nur selten dokumentiert, aber immer dann anzunehmen, wenn ein Name und eine Zinssumme in der Straßenliste des nächsten Jahres nicht mehr vorkommt.
Eine Ausnahme ist die Rechnungslegung am Jahreswechsel 1554/55 (siehe die rechte der beiden Kirchenbuchseiten, in der in der 4.-8. Zeile der auf Seite 7 schon genannte Bürgermeister „Michel Stigeler“ 10fl zurückzahlt) mit einer Liste der zu Beginn des Jahres 1555 „genedderlegten Hauptsummen.“
7.2.2. Zinshöhe
Insgesamt wurden von 1537-1572 167 Darlehen an 292 Zinspflichtige vergeben, die dafür 2358 Zinszahlungen leisteten. Der Durchschnittszins betrug 102,35 Pfennige, was einem durchschnittlichen Darlehen von 8,5fl entspricht. Dies war damals der Gegenwert eines knappen Morgens Landes.
Das Diagramm auf dem die Häufigkeit und Höhe der Darlehen dargestellt sind, läßt zunächst besonders bevorzugte Darlehenshöhen erkennen: 1fl, 2 fl, 4fl, 5fl, 6fl, 8fl, 10fl, 20fl, 30fl. Interessant ist dabei, daß zwar die überwiegende Zahl (66%) der Zinszahlungen kleinere Darlehen bis 9fl, insbesondere solche unter 5fl, bedient, diese aber nur 26% der Gesamtzinseinnahmen erbringen. Nur 34% der Zahlungen betreffen dagegen große Darlehen von 10-62fl, sie erbringen dagegen aber 74% aller Einnahmen.
75, also mehr als ¼ der insgesamt 292 Darlehensnehmer der Kirche sind schon in der Türkensteuerliste persönlich genannt, von weiteren 64 Darlehensnehmern finden sich dort aber schon gleichnamige Verwandte, wobei jeweils die Hausbesitzer überwiegen.
7.2.3. Zinshöhe in verschiedenen Straßenvierteln
Wenn man das Diagramm der Zinszahlungen aus den Stadtvierteln Schulzen- und Neukirchenstraße dem der Kapellenstraße gegenüberstellt, so ergeben sich Unterschiede, zunächst hinsichtlich der durchschnittlichen Zinssummenhöhe, sie beträgt in der in der Schulzen- und Neukirchenstraße 86,11 Pfennige und in der Kapellenstraße 140,84 Pfennige.
Weiterhin ist erkennbar ist, daß in der Kapellenstraße, weil deren städtebaulich älterer zentraler Abschnitt vermutlich damals zum Neukirchenviertel gehörte, fast die Hälfte der Darlehensnehmer hohe Darlehen hatte, die 84% des Straßenzinsaufkommens erbrachten. In den beiden anderen Straßenvierteln, die wie das Schulzenstraßenviertel ganz oder das Neukirchenstraßeviertel teilweise dem mittelalterlichen Kernbereich angehörten, hatten dagegen weniger als 1/3 der Zinszahlenden hohe Darlehen hatten.
Ein besonders wichtiges Indiz für den „Osterwiecker Weg des Stadt- und Kirchenbaus“ findet sich in die Zinslisten der Kapellenstraße. Dort wird nämlich durchgehend Simon Wicken, der Stadtkämmerer während der Bauzeit des Langhauses und spätere Bürgermeister mit 3fl und mehr in der Zinsliste geführt, das an ihn vergebene größte aller Darlehen von 60-62fl entsprach fast 10% des damaligen Kirchenvermögens.!
8. Kirchenvorsteher und Ratsherren als Darlehensnehmer der Kirche
8.1. Nach inschriftlichen Befunden an den Häusern
Wie Simon Wicken war fast jeder Zehnte der 292 Darlehensnehmer der Kirche ein Ratsherr und ein Kirchenvorsteher, oft beides nacheinander! So wie es die Zinslisten überliefern können wir noch heute an 9 Häusern der Stadt die Vor- und Nachnamen dieser städtischen Prominenz lesen
In der Mittel Straße 11 (damals Neukirchenstraße) sind es Name und Wappen des Bürgermeisters :„Tile Wilde 1534“.
An einer Scheune in der Kapellenstraße 27, Schäfers Hof, einem Rest des Hetling’schen Winkelhofs findet man: „Anno 1527 per Paulu Drögecop“.
Den Namen dieses Zimmermanns „P Drögecop“ kann man auch am Haus des Bürgermeisters M Steggeler, Hagen 24 lesen.
Eine Schwester oder Tochter Michael Steggelers könnte die „Magdalena Stiglers“ sein, die am Haus Kapellenstraße 1 neben „Ioannes Elema Upling“ genannt wird, in den Zinslisten steht er als „Hans Egelman“ und war Kämmerer. Ebenso war das Haus Stobentwete 1 von „Tyle Germer“ nach Zinsliste der Schultenstraße seit 1568 mit einem Darlehen von 8fl beliehen.
Besonders interessant ist die Inschrift am Haus Mittelstraße 17 von 1600, da sich die Abfolge der Wappen und Namen genau mit den Nennungen in den Zinslisten der Neukirchenstraße deckt. Denn dort waren zinspflichtig von 1581-1596 „Jochim Bauman“, von 1597-1609 seine Witwe „Margareta Meyers“ und 1611-1617 „Jürgen Bauman“.
Auch die Wappen und Namensnennungen der benachbarten Häuser Neukirchenstr. 47 von 1580 und Rosmarinstraße 7/8 von 1596/1614 stimmen mit dem Zinsregister überein. Dort wird in der Neukirchenstraße 1577–1598 „Jacob Reinken“ genannt, der 1585 zusammen mit seinem Nachbarn „Hans Reutz“ (Rutze) die Zinsen auch für den alten und kranken Pasche Claves zahlte, weil dessen vermutliche Tochter „Maria Claves“ seine Frau war, die nach dem Tode ihres Mannes 1599 und 1600 die Hauszinsen zahlte, bis diese von 1601-1621 „Berendt Reinken“ übernahm, der das Haus mit seiner Frau „Catharina Behmen“ vermutlich 1614 ein weiteres Mal umbaute.
8.2. Verewigungen von zinspflichtigen Kirchenvorstehern und Ratsherren in der Kirche St. Stephani
Mehr noch als an den Häusern haben sich in der Kirche Namen erhalten.
8.2.1. Verewigungen der Kirchenvorsteher
Von den insgesamt 53 Kirchenvorstehern der Jahre 1531-1600 sind 29 in St. Stephani verewigt, 24 davon, die in den Jahren 1537-1572 amtierten und von denen 10 zu den in der Kirche Verewigten gehören, hatten ein Darlehen.
Fast alle waren auch Rats- oder Gildeherren, denn Kirchenvorsteher/Ratsherr war im Osterwieck des 16. Jahrhunderts nachweisbar die Regelbeförderung auf der kommunalen Stufenleiter.
8.2.2 Verewigungen von Ratsherren
Die 22 Ratsherren, die der Kirche zinspflichtig waren, gehörten fast alle dem zur Bauzeit des Langhauses aktiven Rat an.
Simon Wicken und das hohe an ihn gegebene Darlehen fand schon Erwähnung. Als Kämmerer und späterer Bürgermeister ist er in der Kirche 3mal verewigt. Als am 6.8.1556 der Dachstuhl gerichtet wurde gab er Bier aus. Neben den großen Schlußsteinwappen des nicht zinspflichtigen Bürgermeisters „Voltin Rover“ und Kämmerers und Kirchenvorstehers „Kersten Laskemecker“ sind besonders die vier Schlußsteine mit je vier kleinen Wappen von 16 Ratsherren bemerkenswert, da ihre Inhaber alle um 1555 dem Rat angehörten und 11 von ihnen Darlehensnehmer der Kirche waren. Man darf wohl mit Recht vermuten, daß sie es möglich machten, daß der Kämmerer der Bauzeit Simon Wicken, den Kirchenvorstehern und Bauherren der Kirche von 1552-1557 insgesamt fast 2550fl als ganz regelmäßige Ratenzahlungen aus dem Stadtetat zukommen ließ – so, daß das Kirchenvermögen nicht angegriffen werden mußte, sondern weiterhin als Darlehen den Bürgern der Stadt zur Verfügung stehen konnte.
8.2.3. Gemeinsame Verewigungen von Stadtobrigkeit und Adel über der Gildenprieche
„Simen Wickes“ Einfluß in Stadt und Umgebung erhellt auch seine Nennung im Zusammenhang mit der wohl größten Grundbesitzübertragung des 16. Jahrhunderts im Osterwiecker Bereich.
Als 1549 „Claus von Borchdorpt“ 21 Höfe und 22 Hufen seines Stolberg’schen und Regenstein’schen Lehens in Berßel an „Lippelt von Rössingk“ verkaufte, vereinbarten seine Zeugen „Jochim von Gustedt der Elter“ und Jochim von Weyhe für den Fall der Nichterfüllung des Vertrages „... tho Osterweigk in Simon Wikens Hause willen inriden mit unserm sulvest live, einen knecht, twe reisigen Perden ...“. Diese enge Verquickung des Landadels mit dem Osterwiecker Bürgern bezeugen noch heute die 17 bürgerlich-stadtobrigkeitlichen und 10 adeligen Steinmetzreliefs über der vermutlich ersten und zunächst einzigen Herrschaftsempore von St. Stephani, der späteren Gildenprieche
9. Die Osterwiecker als Hausgenossen Gottes in der Kirche und Glaubenszeugen an den Häusern ihrer Stadt
9.1. Hausgenossen Gottes in der Kirche
Insgesamt haben sich in der Kirche 49 Ratsherren 93mal, manche bis zu 5mal verewigt und 147 Bürger und Adelige sowie 7 Gilden und ihre Gildemeister sind uns durch 173 Wappen und 21 Namens- und Initialinschriften in der Kirche bekannt. Beweggrund für diese Memorien war natürlich auch, aber nicht nur das Repräsentationsbedürfnis der Renaissancezeit.
Als „Protestanten“ in einem nach wie vor katholischem Fürstbistum wollten sie damit auch ein persönliches Bekenntnis ablegen zur Inschrift auf dem zentralen Schlußstein ihrer 1556 eingewölbten Kirche:
„Hic lapis angularis est Christus Ephe:2 Act: 4“.
Gewiß sind zu allen Zeiten Kirchen so geweiht worden, aber 1556, ein Jahr nach dem Augsburger Religionsfrieden war eine solche Aussage ein protestantisches Bekenntnis:
- vom verworfenen Stein, der zum Eckstein geworden ist: „und ist in keinem andern Heil und ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, darinnen wir sollen selig werden“ - und
- von denen, die „nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Bürger mit den Heiligen und Gottes Hausgenossen sind“ - „da Jesus Christus der Eckstein ist, auf welchem der ganze Bau in einander gefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn, auf welchem ihr mit erbaut werdet zu einer Behausung Gottes im Geist“
Auf Bibelworte wie diese und letztlich Luthers : „Sechzehntens,
Überdies sind wir Priester“ gründete sich das neue protestantisches Selbstverständnis, das nun Bürgermeistern, Ratsherren, Kirchenvorstehern, Handwerkern und adeligen Herren in ihrer neuen Kirche die Plätze auf Schlußsteinen, an Pfeilern, Konsolen und Emporenbrüstungen zuwies, die bisher allein Aposteln und Propheten vorbehalten waren, noch wie hier (Abb. rechts) an den Konsolen der 1516 vollendeten katholischen Marienkapelle in Hirsau.
Das Lutherwort: „Ja wollt Gott, ich kund die herrn und die reychen dahin bereden, das sie die gantze Bibel ynwendig und auswendig an den heusern für ydermans augen malen ließen, das were ein Christlich werk,“ befolgte man in Osterwieck zunächst in der Kirche. 32 biblische Bilder ließen die Ratsherren mit ihren Wappen und Namen als Stifterunterschriften 1589 und 1616 auf die Emporenbrüstungen malen und schufen damit den ältesten alt- und neutestamentlichen protestantischen Bildzyklus, den man heute noch in einer Stadtkirche aus dem 16. Jahrhundert besichtigen kann.
So wie wir die frühen Protestanten dieser Stadt als Bürgermeister, Ratsherren, Gildemeister und Handwerker in den Steuer- und Zinslisten und auf der Ratstabula als fest im diesseits stehende Bürger kennen lernen konnten, treten sie uns in der Kirche als Stifter biblischer Bilder und Epitaphien und in den Lebensläufen der ihnen gewidmeten Leichenpredigten als zuversichtlich auf das Jenseits orientierte fromme Christen entgegen, die sich nicht scheuen, ihren protestantischen Glauben „auswendig“ auf den Häusern ihrer Stadt zu bekennen.
9.2. Bekenntnis zum protestantischen Glauben an den Häusern
An 58 der Osterwiecker Häuser, von denen nur 11 nach 1648 erbaut wurden, gibt es Inschriften, darunter 83mal solche mit religiösen Aussagen. Getreu der protestantischen Lehre wird das Unvermögen und die Ohnmacht des nschen betont und auf die Abhängigkeit von Gottes Gnade und auf die Rechtfertigung allein durch Christi Erlösungswerk hingewiesen.
9.2.1. Hausinschriften nach Psalmen
Kennzeichnend für das Osterwiecker Fachwerk sind die 22 Psalmverse an 14 Häusern. Sie lassen glaubensstarke Frömmigkeit und feste Verwurzelung in den Texten der Bibel ebenso erkennen wie oft auch einen hohen Bildungsstandard und ein auf das Zusammenleben in der städtischen Gemeinschaft ausgerichtetes Rechtsbewußtsein.
Besonders das Haus Mittelstraße 20 (siehe auch S. 14 oben), das mit Texten in 3 Stockwerken geradezu ein „Psalterium“ ist, läßt durch die Auswahl der Texte ein solches Selbstverständnis seines Erbauers Hieronymus Barde vermuten, der von 1629-1650 im Rat und auch Bürgermeister war. In der HAB gibt anläßlich seines Abganges von Magdeburg zum Studium nach Wittenberg 1576 eine Sammlung von 11 Abschiedsgedichten - das erste darunter von M. Johannes Pomarius, der Pastor an der Heiliggeistkirche bis 1578 war. Die Inschriften an seinem Haus beginnen schon unter dem Dachüberstand mit:
Ps. 27, 12: „Gib mich nicht in den Willen meiner Feinde; denn es stehen falsche Zeugen wider mich und tun mir Unrecht ohne Scheu.“ (Die Stelle in der Abb. rechts)
Ps. 58, 2 und 3:„Seid ihr denn stumm, daß ihr nicht reden wollt, was recht ist und richten was gleich ist, ihr Menschenkinder. Ja mutwillig tut ihr Unrecht im Lande – Nusquam tuta fides et securitas.“
Unter dem 2. Obergeschoß steht geschrieben:
Ps. 7, 2: „Auf dich Herr traue ich mein Gott,
hilf mir von allen meinen Verfolgern und errette mich, denn du bist ein rechter Richter.“
Ps. 9, 5: „Denn du führest mein Recht und meine Sache aus, du sitzest auf dem Stuhl ein rechter Richter. Und verläßt nicht die dich Herr suchen – In te Deu speravi haud confundi.“
Und unter dem 1. Obergeschoß findet sich:
Ps. 17, 2: „Herr, sprich du in meiner Sache und schaue aufs Recht.“
Ps. 17, 8: „Beschirme mich unter dem Schatten deiner Flügel.“
Ps. 17, 9: „Vor den Gottlosen die mich verstören, vor meinen Feinden, die um und um nach meiner Seele stehen - Huic Domui Pax Hieronymus Barde Margarete Hasseberg 1622.
Ein ähnliches Psalterium ist das Haus Sonnenklee 40 von 1620,
an dem man über dem Obergeschoß lesen kann:
Ps. 28, 3: „Zeuch mich nicht hin unter den Gottlosen und unter den Übeltätern, die freundlich reden mit ihren Nächsten und haben Böses im Herzen Anno 1620.“
Über dem Erdgeschoß findet sich:
Ps. 55, 23: „Wirf dein Anliegen auf den Herrn, der wird dich versorgen und wird den Gerechten nicht verlassen “
Ps. 37, 25:„Ich bin jung gewesen und alt geworden und habe noch nie gesehen den Gerechten verlassen oder seinen Samen nach Brot gehen – An Gottes Segen ist alles gelegen.“
Der „Gerechte“ war und ist nach protestantischen Verständnis nicht der „Gerechte“ im alttestamentlichen Sinne, sondern der, der „allein durch seinen Glauben, und die Gnade und Christi Erlösungswerk“ von und vor Gott Rechtfertigung erhofft – im 16. Jahrhundert war das neu und ist umkämpft bis heute.
Am häufigsten wird der Psalm 127 zitiert, dem Luther die Überschrift gegeben hat, wie hier an der Mittelstraße 26:
„An Gottes Segen ist alles gelegen“.
Ps. 127, 1: „Wo der Herr nicht das Haus bauet, so arbeiten umsonst, die daran bauen, wo der Herr nicht die Stadt behütet, so wachet der Wächter umsonst.“
Ps. 127, 3: „Siehe, Kinder sind eine Gabe des Herrn und Leibesfrucht ist ein Geschenk.“ Ps. 127, 4: „Wie die Pfeile in der Hand eines Starken, so geraten die jungen Knaben.“
Ps. 127, 5 (4+5 auch bildlich):„Wohl dem, der seinen Köcher derselben voll hat.“
9.2.2. Hausinschriften mit protestantischen Devisen
Besonderen Bekenntnischarakter hatte die 10malige öffentliche „auswendige“ Anbringung allgemein bekannter protestantischer „Devisen“. Dies gilt für das nach dem 1. Petrusbrief, 1, 25 zitierte „Verbum domini manet in aeternum“ im Volltext oder in der von den protestantischen Ständen seit dem Reichstag in Speyer 1526 benutzten Buchstabenfolge „VDMIAE“ ebenso wie für das „Solus deo gloria“ – „Allein Gott die Ehre“ nach 5 Mose, 32,3. Dabei ging es - vielleicht noch etwas verschleiert – auch um die umstrittene Verwendung des Wortes „Allein“ durch Martin Luther bei der Übersetzung der Bibel. Daß deshalb
„die Papisten sich uber die maßen unnutze machen (=ereiferten)“, war schon für Luther der Anlaß zu einer wortgewaltigen und eindrucksvollen Verteidigung im „Sendbrief vom Dolmetschen“ von 1530, von dem wir annehmen
dürfen, daß er wie alle Schriften des Reformators damals großes Aufsehen erregt hat und allgemein bekannt gewesen sein dürfte.
Vielleicht war das Sendschreiben auch dem Osterwiecker Bürgermeister Michael Stegeler bekannt und dann wäre die Inschrift an seinem Haus aus dem Jahr 1533 ein reformationsgeschichtliches Bekenntnis von großer Brisanz. Denn am 10.-11. August 1533 haben er und der Rat für seinen auf der Durchreise von Wolfenbüttel nach Halberstadt befindlichen Landesherrn Kardinal Albrecht noch einen aufwendigen Empfang gegeben. Es war das gleiche Jahr, in dem er durch den Zimmermeister Paul Drögecop auch das Haus Hagen 24 errichten ließ. Auf der Stockschwelle des Obergeschosses ließ er die Inschrift anbringen: „NACH CHRISTI GEBURT DER WENIGER ZAHL 33 ALL DER UNS ERLÖSET HAT ALZUMAL“ mit den Namenszusätzen „M. STEGGELER“ und „P. DRÖGEKOP“. Lesen muß man dies „Nach Christi Geburt 1533 Allein der uns erlöset hat allzumal“. Man kann sich eigentlich nicht vorstellen, daß er als langjähriger Stadtschreiber und Bürgermeister sich nicht darüber im klaren war, das dies noch vor der Reformation der Stadt und des Bistums gegenüber seinem Landesherrn, dem vornehmsten und ersten Kirchenfürsten des Reiches, ein geradezu provokatives Bekenntnis war.
10. Osterwieck als Protestantische Ecclesia des 16. Jahrhunderts
Unter dem Einfluß der frühen Reformation in Magdeburg und Braunschweig wird in Osterwieck über Störungen des katholischen Gottesdienstes schon im Jahr 1526 berichtet, Ratsherren, die in der protestantischen Stadt später wichtige Funktionen ausübten und deshalb in der Kirche verewigt sind, wurden schon vor der Einführung der Reformation in der Stadt in den Jahren 1519 bis 1534 in den Rat gewählt. 1535, nur 2 Jahre nach dem Ratsempfang für Kardinal Albrecht wurde in Osterwieck die Reformation eingeführt und vom Rat der erste protestantische Pfarrer eingesetzt. Die Stadt und die Kirchengemeinde besitzen noch heute die achtbändige Jenaer Gesamtausgabe der Werke Martin Luthers aus dem Jahr 1560, die Stadt mit den in die Buchdeckel eingeprägten Worte „Des Rates zu Osterwieck.“
Dennoch, der Anstoß, der auch in Osterwieck wie vielerorts von der Reformation ausging, genügt nicht als Erklärung dafür, daß die Stadt geradezu zu einer Modellstadt des Reformationsjahrhunderts werden konnte, in der Kirchenbau und Städtebau in so bemerkenswerter Weise verknüpft waren. Eine wesentliche Voraussetzung dafür waren die besonderen Umstände, unter denen die Reformation im Fürstbistum Halberstadt stattfand.
Da Kardinal Albrecht sich bereits 1541 endgültig nach Aschaffenburg zurückzogen hatte und auch nach seinem Tode 1544 der Nachfolger nicht im Bistum Fuß fassen konnte, kam es zu einem vollständigen Autoritätsverfall der Landesherrschaft, der trotz der offiziell noch katholischer Obrigkeit zu „gemeindemäßigen Kirchen- und kommunalen Verwaltungsformen“ führte.
Das 16. Jahrhundert blieb gewissermaßen fast ein ganzes Jahrhundert ein Jahrhundert der örtlichen „runden Tische“! Weder die erste schon protestantische Kirchenvisitation 1564, noch die schrittweise Einführung der Reformation im Bistum 1568 und 1578, ja, nicht einmal die erst nach dem Untergang der „Spanischen Armada“1588 gewagte, nach Braunschweiger Art durchgeführte Kirchenvisitation von 1589 führten zur Ausbildung eines Kirchenregiments des evangelischen Halberstädter Bischofs Heinrich Julius von Braunschweig. Die Kirchenaufsicht blieb auch nach der feierlichen „Inszenierung des landesherrlichen jus reformandi“ 1591 in Halberstadt beim gemischt konfessionellen Domkapitel, dessen katholischer Portenarius und Dechant Mathias von Oppen das evangelische Fürstbistum von 1596-1621 ebenso effizient und gut wie konfessionell liberal regierte. Unter den Bedingungen der „Unfertigkeit“ der Reformation verblieb insbesondere das am Rande des Bistums gelegene Osterwieck im Zustand einer institutionellen Unschuld.
Es war das, was die Reformation angestrebt hatte, man war „Ecclesia“, Gemeinschaft im ursprünglichsten Sinn des Wortes: eine sich selbst verwaltende städtische und kirchliche Kommune der Bürger als Hausgenossen Gottes, in der jeder sich als „... ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan“ und zugleich „...ein dienstbarer Knecht und jederman untertan,“ fühlen konnte.
Daß es ein Bewußtsein dafür gab, daß das städtische Gemeinwohl, das prosperierte wie davor und danach nie wieder Osterwieck, mit Demut und dem Vertrauen auf das „immerwährende Wort Gottes“ etwas zu tun hatte, läßt eine Inschrift in niederdeutschen und lateinischen Worten am Haus Stobenplatz 2 von 1550 erahnen: „Hedde wy eyn gemude godt [„ein gutes Gemüt“, oder sogar besser wegen „gemude godt“ und nicht „gemude gut“: „ein Gemüt [wie] Gott] und de gemenit nute vor oge un wichte u: mu:te gut gelt [und die gemeine Not vor Augen und Gewichte und Münze gut gültig] so studt wol in der welt. Soli dm gl: vrbu dni manit in eternum an:o humae: salutis 1550 wo godt das hues nicht buet so arbeiden vorgenes de daran buen Ewolt Marre und Anna Marre.“ Welch bescheidenes lutherisches und so gar nicht calvinistisches Gnadenbewußtsein!
So wie es im Visitationsberichten 1589 für Aschersleben und Osterwieck überliefert ist, vollzogen Bürgermeister, Ratsherren, Pastoren, Diakone und Kirchenvorsteher am Ende eines jeden Jahres die feierliche, mit einem üppigen Festessen für den Rat verbundene Kassenübergabe. Die den Ratsherren von den Kirchenvorstehern vorgelegten Abrechnungen betrafen alles: die Feste des Jahreskreises und die damit verbunden gemeindlichen Aktivitäten und Kosten, das Bau- und Reparaturwesen, den allgemeinen und besonderen Gemeindehaushalt, die Zahlungen an Pfarrer, Diakone, Küster, Organisten, Schuldiener, das Kirchenstuhlwesen, die Bestattungen in der Kirche und die bei Seuchen sprunghaft ansteigenden Kosten für das Friedhofswesen und - das füllte die meisten der überlieferten Seiten: die Einziehung der Zinsen in Höhe von 5%, die ein knappes Drittel der Osterwiecker Hauswirte für „Hauptsummen“, ihre Darlehen, „aus der Kirche“ zu zahlen hatte.
Ein solches gemeindliches Finanz-System, das
1. „Stadt- und Kirchenfabrik“ in einem fast noch mittelalterlichen Sinne war,
2. durch die Kirchenvorsteher die Bürger mit Darlehen aus einem beträchtlichen Kirchenvermögen bediente und dadurch dazu beitrug, daß innerhalb von 2-3 Generationen nach einer Flutkatastrophe die Stadt neu erbaut werden konnte,
3. unter der Kontrolle eines Rates stand, dessen Mitglieder wiederum selbst oft Darlehensnehmer waren und vorher oft als Kirchenvorsteher amtiert hatten,
und in dem
4. der Ratskämmerer und seine Erben über 70 Jahre knapp 10% des Kirchenvermögens als Darlehen hatten,
5. das Kirchenvermögen während des Neubaus des Kirchenschiffs von 1552-1557 praktisch nicht angegriffen wurde, der Rat dagegen zu 88% diesen Kirchenneubau bezahlte und damit gleichzeitig auch noch gegenüber dem weiterhin katholischen Landesherrn und Domkapitel institutionell an Gewicht gewinnen konnte,
konnte eigentlich nur in einem solchen „eigenständigen Typus evangelischer Landeskirchlichkeit in einem Fürstbistum“ entstehen und sich weiterhin sogar noch bis in die „preußischen Zeiten“ nach 1648 so erhalten.
Es war der ganz besondere „Osterwiecker Weg“ des protestantischen Stadt- und Kirchenbaus.
Und ein Letztes:
- Das Wort: „Man kann nur sehen, was man weiß,“ bedeutet in der Umkehr: „Man kann nur wissen, was man auch sieht“ – und auch – „in Zukunft noch wird sehen können.“
- Nur das Stadtbild, die Häuser und Kirchen dieser Stadt werden uns weiterhin das Wissen von den besonderen reichs-, regional- und reformationsgeschichtlichen Umständen während der kurzen Epoche des Übergangs des Fürstbistums Halberstadt von katholischer zu evangelischer Landeskirchlichkeit augenfällig vermitteln können - wenn wir sie denn der Nachwelt erhalten!
- Andere Zeugen aus dieser Zeit gibt es nicht mehr. Das bischöfliche Schloß in Gröningen, das Schloß der Asseburger in Ampfurth und viele Adelssitze aus dieser Zeit sind schon seit langem weitgehend oder vollständig zerstört. Auch in Halberstadt und anderen Städten des Bistums sind kaum noch bauliche Überlieferungen aus jener Zeit erhalten.
- Osterwieck, seine Häuser und seine Kirchen sind die einzigen Bau- und Geschichtsdenkmäler aus dieser einzigartigen fürstbischöflich-halberstädtischen Epoche im deutschen Reformationsjahrhundert. Darin besteht die besondere Denkmalwürdigkeit dieser Stadt.
- Es ist an der Zeit, dies zur Kenntnis zu nehmen und gebührend zu würdigen: Osterwieck sollte in das Weltkulturerbe aufgenommen werden!
13mal handelt es sich lediglich um Namen oder Jahreszahlen, oft auch beides zusammen. An 45 Häusern, von denen wiederum nur 7 nach 1648 errichtet worden sind, findet man 115 textliche Inschriften, 28 mal davon mit Namen mit oder ohne Jahreszahlen. Nur 4 Häuser weisen allein weltliche Inschriften auf. An 41 Häusern befinden sich neben vielen interessanten mitunter sogar lateinischen weltlichen Texten 83 religiöse Inschriften. Bei 25 % davon ist die Herkunft nicht sicher erkennbar, die anderen zitieren außer Gesangbuchversen, Reformatorenaussprüchen und einem religiösen Gedicht überwiegend aus dem neuen und alten Testament der Bibel, darunter an 14 Häusern vor allem 22mal aus den Psalmen. 10mal finden protestantische „Devisen“ wie „V.D.M.I.AE“ und „Soli deo gloria“ sowie am Haus des Bürgermeisters Stegeler, Hagen 24 das „Allein“ in einem besonders interessanten, stadt- und reformationsgeschichtlichem Zusammenhang.
Prater o. Jg: Prater, Christian: Hausinschriften in Osterwieck, ohne Druckort und Jg.
„Auf dich Herr traue ich mein Gott, hilf mir von allen meinen Verfolgern und errette mich, denn du bist ein rechter Richter“ Ps. 7, 2 (Mittelstraße 20, von 1622)
„Denn du führest mein Recht und meine Sache aus, du sitzest auf dem Stuhl ein rechter Richter. Und verläßt nicht die dich Herr suchen“ Ps. 9, 5 (Mittelstraße 20 von 1622)
„Sprich du in meiner Sache und schaue aufs Recht“ Ps. 17, 2, „Behüte mich wie einen Augapfel im Auge, beschirme mich unter dem Schatten deiner Flügel“ Ps. 17, 8, „Vor den Gottlosen die mich verstören, vor meinen Feinden, die um und um nach meiner Seele stehen“ Ps. 17, 9 (Mittelstraße 20 von 1622)
„Gib mich nicht in den Willen meiner Feinde; denn es stehen falsche Zeugen wider mich und tun mir Unrecht ohne Scheu“ Ps. 27, 12 (Mittelstraße 20 von 1622)
„Zeuch mich nicht hin unter den Gottlosen und unter den Übeltätern, die freundlich reden mit ihren Nächsten und haben Böses im Herzen“ Ps. 28, 3 (Sonnenklee 40 von 1620)
„Auf dich Gott habe ich gehofft, ich werde nicht zu Schanden werden“ Ps. 31, 2 (Mittelstraße 20 von 1622)
„Befiel dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird es wohl machen“ Ps. 37, 5 (Kapellenstraße 1 von 1537), „Befele dem Herrn deine Wege so gehen dir fordt deine anliege“ Ps. 37, 5 (Neukirchenstraße 24 von 1588)
„Ich bin jung gewesen und alt geworden und habe noch nie gesehen den Gerechten verlassen oder seinen Samen nach Brot gehen“ Ps. 37, 25 (Sonnenklee 40 von 1620)
„Wirf dein Anliegen auf den Herrn, der wird dich versorgen und wird den Gerechten nicht verlassen“ Ps. 55, 23 (Sonnenklee 40 von 1620)
„Seid ihr denn stumm, daß ihr nicht reden wollt, was recht ist und richten was gleich ist, ihr Menschenkinder. Ja mutwillig tut ihr Unrecht im Lande“ Ps. 58, 2 und 3 Mittelstraße 20 von 1622)
„Gott der Herr ist Sonn und Schild“ Ps. 84,12 ( Stephanikirchplatz 2 von 1705)
„Vertraue, aber vorher sieh, wem du zuverlässig vertrauen kannst. Eitel ist die Treue der Menschen. Wenn du dich auf irgendwen mit sorglosem Herzen gewiß verlassen willst, lerne Gott vertrauen – D. Nic. Set. supra Psal. 118“ Ps. 118, 8 (sinngem.) (Nikolaistraße 2 von 1618)
„Hie zeitlich bauen wir die Häuser stark und feste und sind doch alle nur Pilgrim und fremde Gäste, aber in Gottes Stadt, da unser Ewigsein Christus bereitet hat, bauen wir wenig ein“ 1. Petrus 2, 11; Ps. 119, 19; Hebr. 11, 16 (Kapellenstraße 15 von 1678)
„An Gottes Segen ist alles gelegen“ Ps. 127, Überschrift, (Kapellenstraße 42 von 1610 , Sonnenklee 40) „Wo der Herr nicht das Haus bauet, so arbeiten umsonst, die daran bauen“ Ps. 127, 1(Bunter Hof von 1579, Kapellenstraße 29 von 1564, Mittelstraße 18 von 1560, Schulzenstraße 9 von 1580, Stobenplatz 2 von 1550), „Wo der Herr nicht die Stadt behütet, so wachet der Wächter umsonst“ Ps. 127, 1 (Mittelstraße 26 von 1578), „Siehe, Kinder sind eine Gabe des Herrn und Leibesfrucht ist ein Geschenk“ Ps. 127, 3 (Mittelstraße von 2000), „Wie die Pfeile in der Hand eines Starken, so geraten die jungen Knaben“ Ps. 127, 4, „Wohl dem, der seinen Köcher derselben voll hat“ Ps. 127, 5 ( 4+5 auch bildlich) (Mittelstraße 26 von 1578)
t.
Wie die Bemühungen um St. Stephani zu einem der erfolgreichsten Beispiele
für die Renovierung eines kirchlichen Bauwerks in den „Neuen Bundesländern" wurden, ist in
1990-2000
10 Jahre Kirchbauverein St. Stephani Osterwieck
nachzulesen
Kirchbauverein St. Stephani Osterwieck
Zehn Jahre Zeitgeschichte im wiedervereinten Deutschland
Erster deutsch-deutscher Verein
Vorbild für den Kirchbauverein St. Stephani-Osterwieck dürfte der Kirchbauverein gewesen sein, der nachder 1986 im wesentlichen abgeschlossenen Renovierung der Wolfenbütteler Hauptkirche Beatae Mariae Virginis dort 1990 noch immer bestand. Aber damit erschöpfen sich auch schon die Gemeinsamkeiten, denn wie ganzanders und unvergleichbar mit Wolfenbüttel waren in Osterwieck die Gegebenheiten und Anforderungen.
Selbst wenn man von Anfang an dabei war, erscheint es im nachhinein fast unmöglich, sich an all das zu erinnern, was wir in diesen 10 ereignisreichen Jahren bei der Renovierung der Osterwiecker Kirche gedacht, geschrieben,versucht, getan und erlebt haben. Fehlten doch alle in der alten Bundesrepublik gewohnten Strukturen und Voraussetzungen.
Unser am 4. 3. 1990 gegründeter Kirchbauverein war der 1. deutsch-deutsche Verein in zwei Staaten mit unterschiedlichen Rechts-, Verwaltungs- und Wirtschaftssystemen sowie noch bis Juli 1990 verschiedenen Währungen. Auch war zum damaligen Zeitpunkt die Entwicklung der nächsten Monate und Jahre durchaus noch nicht voraussehbar. Es fehlten alle Möglichkeiten für langfristige Planungen. Selbst bis zum heutigen Tage ist die Zuteilungöffentlicher Fördermittel - ein in der alten Bundesrepublik bei Baudenkmalen dieser Rangordnung kalkulierbargeregelter Vorgang - in Osterwieck eine von mal zu mal immer wieder mühsam zu erkämpfende Glückssachegeblieben, zum Jahresende aus irgendwelchen „Töpfen" kommend und dann möglichst sofort bis zum nächstenJahresanfang zu verbrauchen.
Es gab und gibt für Osterwieck bis heute keine kirchliche Baubehörde, die Baumaßnahmen durch einen kirchlichen Architekten vor Ort regelmäßig begleitet, geschweige denn die Bauleitung verantwortlich übernimmt.eit mit den überlasteten, ihre Verwaltungsstruktur erst allmählich entwickelnden Denkmalschutzbehörden war nicht immer leicht.
Dennoch - infolge immer wieder erneuter und beharrlicher Antragstellungen, vor allem aber weil es uns gelang, durch großzügige und regelmäßige Spenden zusammen mit der Kirchengemeinde 1.335.141 DM oder 47% der seit Mitte 1991 angewandten 2.798.205 DM als „Eigenmittel" aufzubringen, wurden für St. Stephani 1.060.547 DM oder 37,9 % als „öffentliche Mittel" bewilligt. Dazu kamen 402.517 DM oder 14,4% von der „Deutschen Stiftung Denkmalschutz". Allen Spendern, dem Land Sachsen Anhalt und der „Deutschen Stiftung Denkmalschutz" sind wir am Ende dieses Jahrzehnts für die geleistete Hilfe zu großem Dank verpflichtet.
Insbesonders in den ersten Jahren kamen auf Kirchengemeinde und Kirchbauverein Aufgaben zu, auf die sie hinsichtlich der zeitlichen Belastbarkeit und fachlichen Fähigkeiten nicht vorbereitet waren und alle waren glücklich, daß von Anfang an vorhandener juristischer und verwaltungsamtlicher Sachverstand sich bei einem Statiker Rat holen konnte und schon in der Mitte des Jahres 1990 ein im Ruhestand befindlicher Kirchenarchitekt die Beaufsichtigung und die Abnahme der ersten Baumaßnahmen übernehmen konnte.
Die Aufbruchstimmung der Wendezeit 1989/90 konnte erhalten bleiben
Kirchbauverein St. Stephani Osterwieck - Zehn Jahre Zeitgeschichte 2 Es kam hinzu, daß Menschen zusammenarbeiteten, die je nach ihrer Herkunft aus der „alten Bundesrepublik" oder nach 40 Jahren DDR ganz unterschiedlich geprägt waren. Daß dies gelang und bis heute dieselben Menschen wie vor 10 Jahren im Kirchbauverein und auch in der Kirchengemeinde tätig sind, gehört zu den schönsten und wichtigsten Erlebnissen aller daran Beteiligten. So konnte die Aufbruchstimmung der Wende des Jahres 1989 erhalten werden und die Renovierung von St. Stephani in Osterwieck zu einem der erfolgreichsten und effektivsten Sanierungsvorhaben eines großen kirchlichen Bauwerks in einem der neuen Bundesländer werden.
Diese Aufbruchstimmung war gekennzeichnet durch den Willen der Osterwiecker, ihre so schwer verwundete Stephani-Kirche vor weiterem Verfall zu bewahren und eine große Bereitschaft der Besucher und Freunde aus dem damaligen Westen, ihnen dabei mit Rat, Tat und Geld zu helfen.
Zur Vorgeschichte dieser Aufbruchstimmung gehören die mutigen Versammlungen der Osterwiecker schon im Oktober zu Friedensgebeten in St. Nikolai und der katholischen Kirche St. Joseph, dort besonders der aufsehenerregende Aushang im Schaukasten, die Lichterprozessionen durch die Stadt trotz zu befürchtender staatlicher Gegenmaßnahmen, eine Versammlung in der Mehrzweckhalle und die Unterschriftenaktion für eine Städtepartnerschaft mit Hornburg. Die Grenzöffnung zwischen Hornburg und Osterwieck am Wochenende des 18.11.89 ermöglichte dann massenweise Besuche und Gegenbesuche. Viele Menschen von beiden Seiten der ehemaligen Grenze zählen diese Tage noch heute zu den glücklichsten ihres Lebens und besonders auch in der St. Stephani-Kirche kam es um die Weihnachtsfeiertage zu vielen Begegnungen.
Dachziegelspende und Niedersachsenhilfe
Nach diesen Besuchen wurde von Wolfenbüttel und Braunschweig aus bei der niedersächsischen Landesregierung finanzielle Hilfe speziell für Osterwieck, Halberstadt und Quedlinburg angeregt. Diese Hinweise hatten in der zweiten Januarhälfte 1990 eine Rundreise des Kultusministers Dr. Cassens durch den nordharzer Raum bis Magdeburg zur Folge. Höhepunkt war dann im März die „Dachziegelspende" für St. Stephani. Persönlich übergab der Minister in Osterwieck Dachziegel und anderes Material für die Dacherneuerung der Kirche.
Peter Werner kann sich noch sehr genau daran erinnern:
„Es war, glaube ich ein besonders beeindruckendes Erlebnis für die Osterwiecker Bürger. Nicht nur die unkomplizierte Hilfe an sich, sondern vor allem für „Noch-DDR-Bürger" die Art und Weise. An einem Vormittag innerhalb weniger Stunden ist die Kirche eingerüstet. Dann kommen Lkws, entladen palettenweise die Ziegel und ruck-zuck werden diese mit einem Aufzug nach oben befördert. Vor nicht allzu langer Zeit lief das noch ganz anders! Die Kirchengemeinde hatte sich schon vor der Wende bemüht, das Dach ihrer Kirche neu einzudecken. Aber das war eine sehr langwierige An- gele- genheit. Zunächst benötigte man ein Ziegel- kontingent und schon das war problematisch. Was war denn Osterwieck? Ein kleiner Ort am Rande des Sperrgebiets. Jeder fremde Be- sucher war eigentlich unerwünscht. Und dann dieses riesige Kirchendach! Also eigent- lich keine Chance. Trotzdem gelang es der Gemeinde wenigstens ein Kontingent für ei- nen Teil des Daches zu bekommen. Und dann wurden die Ziegel geliefert. Nein, nicht per LKW, sondern mit der Bahn. Grundsätzlich in der Nacht gegen 1 Uhr trafen die Waggons ein und mußten bis zum Morgen schnell entladen werden. Also wurden Helfer zusammengetrommelt, die sich am Bahnhof trafen und dort die Ziegel entluden. Sie wurden in die mitgebrachten Fahrzeuge geladen und dann zur Kirche gefahren. Dort mußten sie natürlich noch einmal ausgeladen werden, um sie dann in der Kirche zu lagern. Die ersten Besucher, die nach der Wende die Kirche besichtigten, werden sich wahrscheinlich an diese dort eingelagerten Ziegel erinnern können. Zu jenen Ziegeln selbst hatten wir ein ganz persönliches Verhältnis, hatten wir doch jeden mehrfach in unseren Händen gehabt."
Schon vorher hatten Mitte Februar großzügige Geldspenden des Braunschweiger Architekten Winterstein für St. Stephani anläßlich der Besiegelung der Städtepartnerschaft zwischen Hornburg und Osterwieck Aufsehen erregt.
Durch die „Dachziegelspende" im Rahmen der „Niedersachsenhilfe" wurde es möglich, das Dach der Stephanikirche zu sanieren. Es zeigte sich jedoch sehr schnell, daß auch der Dachstuhl und einige Deckenbalken zu erneuern waren. Auch hierfür wurde das Material zur Verfügung gestellt und die Dachsanierung damit vollendet. Aber auch für andere Gebäude der Stadt Osterwieck stellte die „Niedersachsenhilfe" Dachziegel und anderes Material zur Dachsanierung bereit. So konnten an einigen Häusern der Stadt die Dächer erneuert werden.
Gründung des Kirchbauvereins, erste Maßnahmen
Diese Ereignisse und die erkennbar andauernde Hilfsbereitschaft ermutigten die Osterwiecker Kirchengemeinde und ihre Freunde am 4. März 1990 zur Gründung des Kirchbauvereins. Nur die Gründung dieses Vereins und die hohe Spendensumme von 97.000 DM bis zum Ende desselben Jahres ermöglichte die Vollendung der Dacherneuerung. Die „Niedersachsenhilfe" bestand zunächst nur in der Lieferung von Material, die Kosten der Arbeit mußten anfangs selbst getragen werden.
Glücklicherweise konnte der Verein bald einen im Ruhestand befindlichen Kirchenarchitekten der Braunschweigischen Landeskirche für die Überwachung und Abrechnung der Baumaßnahmen gewinnen. Durch seine guten Beziehungen im Braunschweiger Bereich gelang es diesem auch Geldbeträge aus dem Fond der Niedersachsenhilfe für die Neueindeckung der Sakristei, die Anbringung von Dachrinnen, den Kanal- und Stromanschluß sowie eine Blitzschutzanlage zu beschaffen. Die Aufträge dazu erhielten nach der Währungsumstellung nach Möglichkeit Firmen aus dem Gebiet der damaligen „Noch-DDR“. Dies war dem Verein immer ein besonderes Anliegen. Auf Vereinskosten fand dann durch eine im benachbarten Vienenburg und Goslar tätige bewährte Restauratorenfirma eine Schadenserhebung des Inneren der Kirche, vor allem der besonders gefährdeten Holzkunstwerke der Innenausstattung statt.
Weiteren Anschub sollte im Mai 1991 ein „Podiumsgespräch" mit geladenen Gästen aus dem öffentlichen Leben unter Teilnahme des Landesdenkmalamtes bringen. Ein Ergebnis war eine letztmalige Zuwendung der niedersächsischen Landesregierung in Höhe von 100.000 DM, die es ermöglichte, die in ihrer Substanz sehr bedrohten Holzkunstwerke, auch durch Bekämpfung des Holzwurms restauratorisch zu sichern und zum weiteren Verbleib in der Kirche in speziell angefertigten Kisten bis zum Ende der Bauzeit zu verpacken.
Mühsame Anfangszeit
Es folgt ein Zeitraum der beharrlichen Suche nach öffentlichen Fördergeldern, die dadurch gekennzeichnet war, daß aus Kassen des „ehemaligen Westen“ keine Mittel mehr zu erwarten waren, die entsprechenden Stellen in den neuen Bundesländern aber nur sehr langsam ingang kamen oder nur verzögert oder gar nicht über hinreichende Fördermittel verfügen konnten. Antragstermine waren nicht hinreichend bekannt oder wurden nicht bekanntgegeben, Anträge gingen im Instanzendurchgang verloren oder wurden sehr schleppend bearbeitet. Alle „Kinderkrankheiten und Wachstumsstörungen" einer im Aufbau befindlichen und sich einarbeitenden Landesverwaltung mit chronisch zu wenig Finanzmitteln wirkten sich immer wieder aus. Erschwerend kam hinzu, daß die Zusammenarbeit mit den zuständigen Kirchlichen Bauämtern und den Denkmalschutzbehörden sehr „hakte".
Ab Jahresende 91 unterstütze der Verein auch den von der Kirchengemeinde beauftragten bauleitenden Architekten bei der Mittelanwerbung. Im Dezember 1991 standen erstmals 136.000 DM aus Denkmalschutz- Sicherungsmitteln seitens der Stadt Osterwieck zu Verfügung.
Trotzdem mußte nochmals viel Geld für eine erneute Schadenserhebung und eine klimatechnische Untersuchung ausgegeben werden.
Die „Deutsche Stiftung Denkmalschutz" restauriert die Kanzel. Der Verein hilft bei der Fördermittelanwerbung und bei der Öffentlichkeitsarbeit für die Veranstaltungen in der Kirche
1992 sprang dann die „Deutsche Stiftung Denkmalschutz" in die Bresche und nahm die Kirche in ihr Förderprogramm auf. Für 250.000 DM konnten die Kanzel restauriert, Arbeiten an den Emporen durchgeführt und eine erneute vom Landesdenkmalamt verlangte restauratorische Untersuchung durchgeführt werden. Neben der Mittelanwerbung war die Öffentlichkeitsarbeit, insbesonders die Ankündigung von Gottesdiensten, Konzertveranstaltungen und Hinweise auf Vereinsaktivitäten an die Presse das Hauptgebiet der Vereinsarbeit. Sehr erfolgreich waren die Aufrufe zur „Fensterspende" und unsere Bitte um Übernahme von „Patenschaften für Fußboden-Quadratmeter." Durch die trotz der Baumaßnahmen in St. Stephani nach Möglichkeit immer stattfindenden Gottesdienste und kulturellen Veranstaltungen, die mehrmals im Jahr versandten Vereinsrundschreiben, die regelmäßige Präsenz in der Presse und nicht zuletzt jetzt etwa 20.000 Besucher im Jahr ist die Renovierung von St. Stephani in Osterwieck zu einem festen Begriff nicht nur in unserer Region geworden.
Den Presseorganen, die von Beginn an unsere Arbeit durch regelmäßige eigene Artikel und die Veröffentlichungen unserer Ankündigungen und Mitteilungen sehr unterstützt haben, möchten wir dafür ganz ausdrücklich danken. Ohne diese Mithilfe wäre die Renovierung von St. Stephani letztlich sicher nicht so schnell vorangekommen.
Ehe dies im weiteren nochmals eingehender geschildert wird, soll eine Tabelle auf der nächsten Seite die einzelnen Maßnahmen detailliert mit Angabe der jeweiligen Kostenträger und der angewandten Mittel aufzeigen.
Der Abschluß dieses zeitgeschichtlichen Berichts wird eine Zeittafel (Seite 13 - 42) sein, in der die wichtigsten Ereignisse in Osterwieck und das Echo, das sie in ca. 160 uns bekannten Presseveröffentlichungen gefunden haben, enthalten sind.
Zusätzlich wird ab heute in der Kirche eine 50seitige Dokumentation ausliegen. In dieser kann verfolgt werden, wie dies alles sich im einzelnen abgespielt und seinen Niederschlag in mehreren Aktenordnern und etwa 1000 Computerdateien gefunden hat. Wir halten diese Zusammenstellung für einen aufschlußreichen zeitgeschichtlichen Bericht. Er gibt dem Interessierten Einblick in die oft alltägliche Arbeit, die über Jahre hinweg anfiel und bewältigt werden mußte.
| Zeitraum |
Art der Maßnahme |
Kostenträger |
Angewandte Mittel |
| 1989 |
Initiativen der Kirchengemeinde Osterwieck, einzelner Wolfenbüttler, Braunschweiger und Hornburger, die Restaurierung der Kirche ingangzubringen
|
|
|
| 1990 19.01. |
1.Besuch des Niedersächsischen Ministers für Kunst und Wissenschaften Dr. Cassens im Auftrag des Ministerpräsidenten Dr. Albrecht in Osterwieck und speziell in St.Stephani |
|
Die Kosten der Dachsanierung sind schwer einzuschätzen. Vor der Währungsumstellung werden 100.088,00 DDR Mark und 73.894,00 DM Niedersachsenhilfe angegeben. Darin dürfte kein Material enthalten sein. Außerdem: 20.000,00 DM Niedersachsenhilfe
|
| 1990 März |
2.Besuch des Ministers Dr. Cassens: "Niedersachsenspende" - Baumaterial und Geld für die vollständige Sanierung des Kirchendachs, die bis Jahresende andauert
|
Land Niedersachsen Kirchengemeinde Kirchbauverein |
20.000,00 DM
58.000,00 DM |
| 1990 November |
Schadensfeststellung und restauratorisches Gutachten über die Innenausstattung
|
Kirchbauverein |
20.000,00 DM |
| 1991 |
Dachrinne, Sakristeidach, Regenwasserableitung, Kanal- und Stromanschluß, Blitzschutzanlage
|
Kirchengemeinde Kirchbauverein Land Niedersachsen |
95.815,00 DM |
| 1991 |
Abbau, restauratorische Sicherung und Verpackung der Innenausstattung
|
Land Niedersachsen |
100.000,00 DM |
| 1991 |
Bautechnische Bestandsaufnahme und Schadensfeststellung
|
Kirchbauverein Bundesmin. d. Innern (Denkmalpflege) |
26.000,00 DM
14.000,00 DM |
| 1992 |
Außenarbeiten am Chor
|
Stadt Osterwieck |
136.000,00 DM |
| 1992 |
Restaurator. Sicherung der Holzemporen Baurestauratorische Untersuchung und Begutachtung des Innenraumes Vollständige Restaurierung der Kanzel
|
„Deutsche Stiftung Denkmalschutz" („Dt. Stiftg. Denkm.") |
255.000,00 DM |
| 1992 |
Fortsetzung der Außenarbeiten am Chor |
Kirchbauverein Bundesmin. d. Innern (Denkmalpflege)
|
11.500,00 DM
20.000,00 DM
|
| 1993 |
Fortsetzung der Außenarbeiten am Chor |
siehe 1992 |
siehe 1992
|
| 1993 |
Klimatechnische Untersuchung und Begutachtung Fachgerechter Abbau und Verpackung der Orgel |
Kirchbauverein |
37.000,00 DM |
| 1993 |
Gestaltung der Außenanlage im Rahmen der „Straße der Romanik" |
Kirchengemeinde
Land Sachsen-Anhalt |
11.500,00 DM
20.000,00 DM |
| 1994/95 |
Innen- und Außenrestaurierung des Chors mit Fenstern Restauratorische Sicherung und Aufstellung des „Marienaltars" Restauratorische Reinigung der Emporenmalerei |
Kirchengemeinde u. Kirchbauverein
„Dt. Stiftg. Denkm."
Land Sachsen- Anhalt |
320.500,00 DM
100.000,00 DM
367.000,00 DM |
| 1995 |
Vollständige Restaurierung des Innenraums des Hauptschiffs mit Ausnahme des Fußbodens |
Kirchengemeinde Kirchbauverein
Dt. Stiftg. Denkm.
Land Sachsen- Anhalt |
112.314,00 DM
56.157,00 DM
47.517,00 DM
215.978,00 DM |
| 1996 |
Fortsetzung der Restaurierung des Hauptschiffs |
Kirchengemeinde Kirchbauverein Dt. Stiftg. Denkm. Land Sachsen- Anhalt |
siehe 1995 |
| 1996 |
Restaurierung von 10 Hauptschiffenstern
|
private Stifter |
180.000,00 DM |
| 1997 |
Erneuerung des Emporenbodens
|
Eckensberger Stiftung |
61.500,00 DM |
| 1997 |
Erneuerung des Fußbodens mit Vorbereitungen zum Einbau der Klimaanlage
|
private Spender, Kirchengemeinde u. Kirchbauverein Ld. Sachsen-Anhalt (Strukturhilfe) |
201.855,00 DM
189.060,00 DM |
| 1998 |
Beendigung der Maßnahmen des Jahrs 1997
|
|
|
| 1999 |
Einbau der Heizanlage in ein vorhandenes Haus an der Kirche und Einbau der Wärmeaustauscher in der Kirche
|
Kirchengemeinde Kirchbauverein und private Spender |
70.000,00 DM
80.000,00 DM |
| Insgesamt |
ohne die unklaren Dachkosten bis Mitte 1990 |
|
2.956.205,00 DM |
Durchbruch im Jahre 1994 - Chorrestaurierung
Eine besondere Würdigung verdienen die Ereignisse des Jahres 1994. Das Braunschweiger Kammermusikpodium konnte gewonnen werden, im Mai in der noch nicht renovierten Kirche ein Konzert mit dem Münchener Kammerorchester zu veranstalten, das die erstklassigen akustischen Verhältnisse in St. Stephani unter Beweis stellte. Dieser Eindruck wurde noch offenbarer durch das umjubelte Benefizkonzert des Deutschlandfunk Köln im Rahmen der Sendereihe „Grundton D" mit den I MUSICI DI ROMA. Nach einem viel beachteten Fernsehgottesdienst und einem weiteren Benefizkonzert in St. Nikolai im Oktober 1994 konnten die Kirchengemeinde und der Kirchbauverein 320.000 DM Eigenmittel zu einer Baumaßnahme von 787.500 DM beisteuern. Dafür wurden der Chor einschließlich der Fenster innen und außen renoviert und der Marienaltar und die Emporenbrüstungen restauratorisch gereinigt und gesichert.
Renovierung des Hauptschiffs - „Fensterspenden"
Im Herbst 1995 und Frühjahr 1996 fand in einer 2. große Baumaßnahme für 480.000 DM die Wiederherstellung des Langschiffs der Kirche mit Ausnahme des Fußbodens statt Durch intensive Werbemaßnahmen des Vereins bei Persönlichkeiten, Stiftungen, Firmen und Institutionen gelang es, zusätzlich 178.000 DM Spenden als „Fensterstiftung" zu sammeln.
Getrübt wurde die Freude über diesen Fortschritt durch den Streit, der mit der Oberen Denkmalschutzbehörde über den Standort einer Adelsprieche aus dem 18. Jahrhundert entbrannte. Der Konflikt wurde inzwischen durch einen keine Seite befriedigenden schlechten Kompromiß zwar beigelegt, hat aber bedauerlicherweise nur langsam vernarbende Verletzungen im gegenseitigen Verhältnis zurückgelassen.
Erneuerung des Fußbodens - „Spenden für Fußboden-Quadratmeter"
Der Erfolg unserer Bitte um „Fensterstiftung" machte uns Mut, bei der vorletzten Maßnahme 1997, der Erneuerung des Fußbodens zu einer „Fußbodenstiftung" aufzurufen. Für 500 DM konnte die Patenschaft für einen Quadratmeter Fußboden erworben werden, auf einer Tafel in der Kirche sind die Spender namentlich eingetragen. Etwa ein Drittel des Fußbodens konnte wiederum aus privaten Spendenmitteln erneuert werden. Gleichzeitig mit der Erneuerung des Fußbodens wurden die Vorbereitungen zum Einbau der Heizung getroffen sowie die Emporenböden wiederhergestellt und begehbar gemacht. Die Mittel dafür stellte die HANS UND HELGA EKKENSBERGER STIFTUNG, Braunschweig zur Verfügung, sie hatte 1996 schon für eines der großen Hauptschiffenster 23.000 DM gestiftet.
Weihnachten 1999: Die Kirche kann geheizt werden
Am Ende des Jahres 1999 wurden ganz aus eigener Kraft und ohne öffentliche Mittel auch die Wärmeaustauscher in die schon vorbereiteten Fußbodenschächte eingebaut und das Heizhaus ausgebaut. 10 Jahre nach der Wende konnten sich die Osterwiecker und viele ihrer Freunde aus der näheren Umgebung zur Christvesper des Jahres 1999 erstmals wieder in der geheizten, bis auf den letzten Platz gefüllten Stephani-Kirche versammeln.
Dies war nicht nur ein sehr beglückendes Erlebnis sondern zugleich die Bestätigung dafür, daß es der Osterwiekker Kirchengemeinde und dem Kirchbauverein in diesen 10 Jahren gelungen ist, ihr wesentlichstes Ziel zu erreichen. Die Kirche ist nicht nur vor weiterem Verfall bewahrt, darüber hinaus ist ihr Innenraum durch eine allgemein anerkannt „sanfte" Restaurierung in neuer Schönheit erstanden. Der besondere Charakter dieser frühprotestantischen Bürgerkirche ist erhalten geblieben. Trotzdem haben auch die Erfordernisse zeitgemäßer gottesdienstlicher und kultureller Nutzung Berücksichtigung gefunden. Die Osterwiecker sind glücklich darüber, in der kalten Jahreszeit eine hinreichend temperierbare große Kirche für die besonders dann oft sehr gut besuchten Gottesdienste zu besitzen. Ein lang bestehender Wunschtraum von einem „Weihnachtsoratorium" unter den akustisch so einmaligen Verhältnissen dieser Kirche könnte vielleicht schon im Bachjahr 2000 seine Erfüllung finden.
Aufgaben am Beginn des neuen Jahrtausends - „Bilanz" von 9 Jahren
Blicke auf die Außenfassade des Langhauses und auf die vielleicht gerade wegen ihres Alters nur „zeitlos widerstandsfähiger" erscheinende Turmfront, auf die im nördlichen Seitenschiff und den Emporen „aufbewahrten" 11 Holzepitaphien, vor allem aber auf die leere Orgelempore zeigen jedoch, daß es in naher und ferner Zukunft noch viele Aufgaben für einen Kirchbauverein gibt.
Unser Verein hat 297 Mitglieder, im Jahre 1992 waren es auch schon 200. Nur die in den vergangenen 10 Jahre unverändert gebliebene Zuwendung und Begeisterung unserer Mitglieder für „ihre" Stephani-Kirche hat das Erreichte möglich gemacht. Wir halten deshalb die Hoffnung für berechtigt, auch in Zukunft darauf bauen zu können. Dank der Spendenbereitschaft seiner Mitglieder, konnte der Verein der Kirchengemeinde Osterwieck für die Renovierung der Kirche in den 9 Jahren von 1990 bis einschließlich 1998 (die Bilanz für 1999 steht wegen Überprüfung beim Finanzamt im Augenblick nicht zur Verfügung) 747.986 DM zur Verfügung stellen. Zusätzliche 23.009 DM, das sind 2,98% der Gesamteinnahmen von 771.986 DM „verbrauchte" der Verein im wesentlichen für Porto und in geringem Ausmaß für die Herstellung von Rundschreiben und Schriften, mit denen speziell und gezielt um Spenden für Fenster und Fußboden gebeten wurde. Der „Verwaltungsaufwand" im eigentlichen Sinne ist ganz gering gewesen, da alle Tätigkeiten ehrenamtlich und spesenfrei durchgeführt wurden. Über das in der Vereinsbilanz Ersichtliche hinaus, kam es durch die Tätigkeit des Vereins sicher auch zu erheblichen Spenden direkt an die Kirchengemeinde. Die positiven Wirkungen der Aktivitäten der Kirchengemeinde und des Vereins dürften sich nicht nur summiert sondern auch gegenseitig gefördert haben. So sollte es im Idealfall ja auch sein.
Wie sich die vom Verein der Kirchengemeinde zur Verfügung gestellten Mittel in der Bilanz des Bauvorhabens von 1991 bis 1999 insgesamt auswirken, erkennt man daran, daß der Kirchbauverein mit 669.986 DM 50,2% der „Eigenmittel"oder 23,9% der Gesamtinvestition von 2.798.000 DM beisteuerte. Dazu kommen noch 78.000 DM schon im Jahr 1990.
Mitgliederbefragung
Wenn der Verein auch Mitglieder überall in Deutschland, auf allen Kontinenten und in vielen Ländern dieser Erde hat, zu denen er die Verbindung durch regelmäßige und möglichst häufige Rundschreiben aufrecht erhält, ermöglicht die Konzentration der meisten Mitglieder auf den nordharzer, Wolfenbütteler und Braunschweiger Raum erfreulich häufig zwischenmenschliche Kontakte, weniger in „Vereinsver-sammlungen“ als im zwanglosen Gespräch vor und nach Gottesdiensten und kulturellen Veranstaltungen. Dabei spielt die persönliche Zuwendung seitens der Osterwiecker Pastorin und der Kirchengemeinde und die immer ganz selbstverständliche Gastfreundschaft und Betreuung die wichtigste Rolle und hat so etwas wie eine große Familie um St. Stephani entstehen lassen. Wie könnte es auch anders sein, wenn alle das gleiche Ziel eint und alle eines Geistes Kinder sind!
Diesem Geheimnis wollte der Vereinsvorstand mit der im Vorjahr begonnenen und bei jedem Rundschreiben beharrlich fortgesetzten Mitgliederbefragung etwas tiefer auf den Grund gehen. Uns haben 50 Antworten erreicht und wenn man die besonders aktiven Mitglieder hinzurechnet, deren Antworten man sich auf Grund regelmäßiger Zusammenarbeit ziemlich genau vorstellen kann, so ist doch bei insgesamt 300 Mitgliedern ein einigermaßen repräsentatives Bild entstanden, das eine kurze Betrachtung rechtfertigt.
Das Durchschnittsalter derer, die unsere Anfrage beantwortet haben, liegt bei 69 Jahren. Gerade weil wir das Durchschnittsalter der Vereinsmitglieder nicht kennen und hoffen, daß es nicht so hoch ist - sehen wir doch gerade unter den engagierten Mitgliedern der Kirchengemeinde und auch der Vereinsmitglieder viele jüngere und junge Gesichter - sollten wir doch über die „Alten" im Kirchbauverein an dieser Stelle nachdenken.
Die älteren Mitglieder: Vor allem ihre Briefe lassen erkennen, daß sie zu den Ursprüngen des Kirchbauvereins in der Wendezeit 1989/90 das vielleicht emotionalste Verhältnis haben. Sie haben während ihres Lebens in besonderem Maße Ursachen, Anfänge und Abläufe all der Entwicklungen miterlebt, die am Jahresende 1989 ihren vorläufigen Abschluß gefunden haben. Sie waren daran oft beteiligt und immer in irgendeiner Form betroffen. Auf Grund der längeren persönlichen Erfahrungen, der Erinnerungen an und Erzählungen über jüngere deutsche Geschichte konnten eigentlich nur sie das Gefühl dafür entwickeln, daß der Zustand der Stephani-Kirche im Jahre 1989 tiefer zurückliegende Wurzeln hat als 40 Jahre DDR. Deshalb die Freude darüber, hier helfen zu können und das Gefühl der Verpflichtung, es auch tun zu müssen. Denn wer sollte es tun, wenn nicht sie. Auch deshalb sind sie meistens seit 1990 Vereinsmitglieder, im Durchschnitt seit über 8 Jahren. 40 % von ihnen wohnen in Wolfenbüttel und Braunschweig, 17 % in Osterwieck und der näheren Umgebung, 43 % in allen Teilen Deutschlands.
Eine Dame, die Silvester 1989 70 Jahre alt war sandte gerade in diesen Tagen einen Bericht über ihre Erlebnisse an diesem Tag:
Auf’s Geradewohl gelangten wir nach Osterwieck. Nirgends hatten wir ein Gasthaus gefunden. Alles sah so grau und schrecklich aus, wie wenn jemand Zementsäcke über die Häuser geschüttet hätte.
Da fanden wir ein Waldgasthaus und klingelten. Klingelten, bis der Wirt schließlich heraus kam - es war 16 Uhr - „Wir schlafen alle, wir wollen heute nacht unsere neue Freiheit feiern. Vielleicht hat der Ratskeller geöffnet, versuchen Sie es dort!"
Doch da war alles duster. Nur aus einer großen alten Kirche schien etwas Licht durch die geöffnete Kirchentür. Jemand zeigte „Westdeutschen"die Kirche. Mein inzwischen etwas ungeduldiger Sohn fragte nach einem Café. „Einen Augenblick bitte," sagte der freundliche, über Gerümpel oder Bretter kletternde Mann, „wenn ich den andern Leuten die Kirche gezeigt habe, komme ich zu Ihnen."( Ich glaube, die andern Leute kamen aus Wolfenbüttel, Kirchenleute, ein Ehepaar.) Beim Zuhören erfuhr ich auch noch einiges über dieses, trotz des schlimmen, desolaten Zustandes wohl einst bedeutende Gotteshaus.
Der Küster, der gar keiner war, schloß dann die Kirche zu und bat uns, mitzukommen, mit den Worten: „Ich weiß wo es etwas gibt.“ Durch eine kleine Gasse, die Gartenstraße führte er uns zu unserer großen Überraschung zu „Matzelts Haus".
Der Tisch war gedeckt, wir waren eingeladen. Alle waren fröhlich und die Omi war zu Besuch da. Dann suchten wir mit Matzelts Töchtern unser Auto (da hatten wir zum Glück noch etwas Schokolade, Orangen und Kaffee, um uns erkenntlich und dankbar zu zeigen.)
Danach kam ich einige Wochen lang jeden Freitag (?) zum Treffen in die Nikolaikirche. Ich spürte, daß man den Menschen irgendwie beistehen mußte. Einmal holte man die ehemalige Bürgermeisterin dazu - eine total verängstigte Frau!
Es war für mich damals kaum faßbar, daß ein so grausames Regime so klang- und widerstandslos plötzlich nicht mehr da war. Mit Familie Matzelt sind wir heute noch freundschaftlich verbunden.
Die „Osterwiecker": Über ein Drittel von denen, die heute nicht mehr in Osterwieck wohnen, stammen entweder aus Osterwieck oder wurden durch den letzten Krieg bedingt entweder aus Großstädten nach dahin „evakuiert" oder fanden als „Ausgebombte"dort wieder eine neue Heimat. Sie wurden unterschiedlich je nach ihren Lebensabläufen in Osterwieck geboren, getauft, konfirmiert oder getraut. Die meisten von ihnen haben intensive und gute Erinnerungen an die Stephani-Kirche und ihre Pfarrer, gerade auch dann, wenn sie aus weltanschaulichen oder politischen Gründen das Gebiet der DDR meist schon relativ früh verlassen hatten. Mehrfach wird nach dem Schicksal eines offensichtlich besonders geachteten Pfarrers, der wohl im Rahmen der Aktion „Ungeziefer" in den frühen 50ziger Jahren „ausgesiedelt" wurde, gefragt. In einem ausführlichen Erinnerungsbrief wird als Folge von Mitarbeit im kirchlichen Gemeindeleben über Repressalien in einem Osterwiecker Betrieb berichtet. Wir erfahren, daß elterliche Häuser mit einer sogenannten „Verzichtserklärung" in Volkseigentum übergingen und der Kontakt zu Verwandten und Freunden in Einzelfällen viele Jahre hindurch nur unter Schwierigkeiten durch Besuche regelmäßig aufrechterhalten wurde. Manche fuhren einmal im Jahr zum „Osterwiecker Treffen" in „Willecke’s Lust" bei Hornburg. „Wir gingen dann immer, bis wir Rhoden und die anderen Orte liegen sehen konnten. Sehnsüchtig! Denn gerne wären wir doch zu einem Kaffee nach Osterwieck gegangen - aber leider..." Es erübrigt sich, darauf hinzuweisen, daß gerade für sie der Fall der Grenze 1989 zu einem der glücklichsten Tage ihres Lebens wurde. Diese „Osterwiecker im weitesten Sinne" hängen besonders an „ihrer Stephani-Kirche". Wichtige Tage waren für sie die von der Osterwiecker Kirchengemeinde so liebevoll ausgerichteten Feiern der „Goldenen Konfirmation" mit der Möglichkeit „alle einmal wiederzusehen" und gemeinsam durch die vertrauten Straßen der alten Fachwerkstadt gehen zu können. Für sie sind die Rundbriefe des Kirchbauvereins eine dankbar begrüßte Verbindung zur Heimatstadt und besonders wichtig dann, wenn Alter oder gesundheitliche Gründe jetzt, wo es doch nun wieder möglich sei, einen Besuch unmöglich machten.
Anlaß zum Eintritt in den Verein: Für fast alle Briefschreiber waren die Erlebnisse der Wendezeit, besonders die Betroffenheit von dem Zustand, in dem sie die Stephani-Kirche vorgefunden hatten, ausschlaggebend für den Entschluß, bei der Rettung des Bauwerks mitzuhelfen und der entscheidende Grund, den Verein mit zu gründen oder ihm beizutreten. Oft spielten dabei spontan entstandene Bekanntschaften oder das Beispiel von Verwandten und Freunden eine Rolle. Für die Osterwiecker waren die schnelle „Aktion Dachziegel" und die „Niedersachsenhilfe" des damaligen niedersächsischen Kultusministers Dr. Cassens das Zeichen dafür, daß die Hoffnung auf Hilfe bei der Renovierung der Kirche berechtigt war. In einem Land, in dem so viele Dächer desolat waren, hatte ein in nur wenigen Wochen renoviertes und bei guter Sicht bis zum Brocken leuchtendes Kirchendach einen hohen Symbolwert. Wir haben Mitglieder, die spontan nach einem einmaligen Besuch beitraten, es antwortete von weit entfernt ein Spender, der nicht Vereinsmitglied ist und dem Verein seit 10 Jahren regelmäßig hohe Summen zukommen läßt, ebenso wie es ein Mitglied der ersten Stunde und regelmäßiger Besucher der Kirche seit Februar 1990 tut. Für eine Reihe der Mitglieder waren der Fernsehgottesdienst, das einmalige oder auch regelmäßige Erlebnis eines der vielen Konzert in dieser „Kirche mit der so einmaligen Akustik" der Beweggrund. Und immer wieder ist die Rede von der großen Hochachtung vor dem Engagement der Pfarrerin, der Kantorin und der Gemeindemitglieder. Wahrlich mit Recht! Denn ohne diese Osterwiecker Basis wären alle anderen Bemühungen ja Nichts.
Korbach und Greven: Treue Freunde hat die Stephani-Kirche auch in den Kirchengemeinden dieser beiden Städte. Während zu Korbach schon vor der Wende eine Gemeindepartnerschaft bestand, sie auch zur DDR-Zeit oft unter schwierigen Bedingen für beide Seiten gepflegt wurde, entstand durch den Fernsehgottesdienst in der Kirchengemeinde Greven ganz spontan eine Hilfsbereitschaft, deren Zeuge wir bei mehreren ihrer Besuche in Osterwieck sein konnten.
Engagement der Mitglieder auch nach zehn Jahren unverändert groß: So rundet die Durchsicht der 50 Briefe den Eindruck ab, daß der Kirchbauverein St. Stephani-Osterwieck trotz des relativ hohen Durchschnittsalters seiner Mitglieder - oder gerade deswegen? - ein sehr lebendiger und effektiver Verein ist. Die in den letzten Jahren fortgeschrittene Renovierung der Kirche hat dabei den Wirkungsmöglichkeiten des Vereins immer wieder neue Impulse vermittelt. Genau so erfreulich spürbar sind die Auswirkungen auf die Kirchen- und Stadtgemeinde Osterwieck.
Und wenn wir uns darüber freuen, daß es auch jüngere Vereinsmitglieder gibt und darunter auch schon wieder Kinder von uns sind, dann nicht nur deshalb, weil es in Osterwieck auch in Zukunft noch viel zu tun gibt, sondern auch, weil es im Interesse der nächsten Generation selbst ist, wenn sie für sich möglichst viel von dem Geist aufnimmt, der im vergangenen Jahrzehnt - sicher einem der wichtigsten der neueren deutschen Geschichte - in, um und durch St. Stephani in Osterwieck so vieles bewegen konnte.
Versuche im Rahmen der EXPO eine Ausstellung in St. Stephani durchzuführen, ein „Fachwerkrundgang", Teilnahme an einem Wettbewerb der HENRYFORD- Stiftung
Es wurde im Jahre 1997 versucht, im Zusammenhang mit der EXPO 2000 auf die Bemühungen um die Sanierung des Baudenkmals St. Stephani aufmerksam zu machen. Dies sollte durch eine Ausstellung geschehen, für die ein ausführliches Konzept erarbeitet wurde.
Der Verein hat sich bemüht, bei der EXPO in Hannover, der EXPO Sachsen-Anhalt sowie Geldgebern in der Wirtschaft dafür Unterstützung zu finden. Das ist vor allem an der unelastisch die Bundesländergrenzen einhaltenden sowie der thematisch rigiden Projektabgrenzung der EXPO gescheitert. Diese Bemühungen galten auch dem Ziel, durch eine weitere Zunahme der Anzahl der Besucher der Kirche, dem Fremdenverkehrsgewerbe der Stadt Osterwieck zusätzliche Impulse zu geben. Ein Kirchbauvereinsmitglied hat auch unter diesem Gesichtspunkt einen 12seitigen RUNDGANG DURCH DIE HISTORISCHE FACHWERKSTADT OSTERWIECK mit Stadtplan und 50 farbigen Abbildungen erarbeitet, der seit Juni 1999 über die Kirchengemeinde erhältlich ist.
Die HENRY-FORD-Stiftung veranstaltet alljährlich eine Wettbewerb, unter anderem auch auf dem Gebiet des Denkmalschutzes. Der Verein hat sich 1999 an diesem Preisausschreiben beteiligt und kam auch in die engere Wahl. Ein Preis, der für die Restaurierung der Orgel eingesetzt werden sollte, konnte aber leider nicht errungen werden.
Entstehungs- und baugeschichtliche Untersuchungen
Die Vorbereitungen für die nicht zustande gekommene Ausstellung, insbesonders aber die ein Jahrzehnt währende Beschäftigung mit dem ehrwürdigen Bauwerk weckte unser Interesse an der Entstehungsgeschichte und dem geschichtlichen und sozialen Umfeld, in dem in der Mitte des 16. Jahrhunderts Osterwiecker Bürger als wahrscheinlich erstes größeres protestantisches Bauvorhaben das Langschiff von St. Stephani erneuerten. Von großem bauhistorischen Interesse sind die einmaligen Sandsteinreliefs der chornahen Langschiffarkaden und die so gut erhaltene bisher kaum veränderte Holzempore, 1589 fertiggestellt, mit eindrucksvollen Brüstungsmalereien aus der Renaissance. Unsere Hoffnung, zur Erforschung all dieser Fragen Hilfe in kunsthistorischen Instituten zu finden, ging leider noch nicht in Erfüllung.
So haben wir zumindest die Materialsammlung dazu selbst in die Hand genommen. Alle inschriftlichen Verewigungen am Bauwerk, den Emporen, den Holz- und Steinepitaphien und die Steinmetzzeichen wurden abgeschrieben und in Computerdateien registriert. Diese Angaben haben wir durch andere schriftliche Hinterlassenschaften aus der Nikolaikirche, in den Inschriften der Fachwerkhäuser, aus Gilde- und Schützenlisten und dem Türkensteuerregister ergänzt. Die Archäologin Frau Dr. Gesine Schwarz hat das Rechnungsbuch der Kirche aus der Zeit von 1539 - 1570, in die auch der Bau der Kirche fällt, entziffert.
Aus diesen Quellen kennen wir nun etwa 1000 Osterwiecker des 16. Jahrhunderts namentlich, oft auch ihre Berufe, Ämter und Vermögensverhältnisse. Mit 129 Inschriften und Wappen sind viele von ihnen in St. Stephani auf Gewölbe-Schlußsteinen, den Arkadenbögen-Sandsteinreliefs, sowie auf Emporenbrüstungen und Epitaphien verewigt.
So ist für uns St. Stephani auch zu einem Buch vom Glauben, über Geschichte und menschliche Schicksale geworden, aus dem wir im Anschluß an diesen zeitgeschichtlichen Beitrag berichten wollen. Noch sind wir am Sammeln des Materials, in (zu?) vielen Bereichen suchend und fragend halten wir es (leicht frei zitiert) mit dem holländischen Kulturhistoriker JAN HUIZINGA:
„Die direkte, spontane, Begier nach alten Dingen ....ist nicht nur eine primäre, sondern eine vollwertige Form des historischen Wissensdranges,....in dem sie unter tausend Millionen Facetten eine Einzige schleift, realisiert sie die historische Wissenschaft der Zeit und läßt kleine, aber lebendige Wahrheiten aufsprießen, jede so kostbar und zart, wie eine Pflanze, die man pflegt."
Gerade deswegen warten wir sehr auf fachliche wissenschaftliche Mithilfe.
Nachklang mit Musik - St. Stephani braucht wieder eine große Orgel
Musik hat in St. Stephani auch schon im 16. und 17. Jahrhundert eine Rolle gespielt. Wie könnte es anders sein in einem Kirchenbau, der über eine so einmalig gute Akustik verfügt. Wenn hier Musik erklingt, ist der Kirchenraum immer das wichtigste und edelste der mitwirkenden Instrumente. Aus dem 17. Jahrhundert sind die Namen zweier Kirchenmusiker, des CANTOR JOHANNES TAUCHIUS und des ORGANISTEN JOHANN HEINRICH TAUCH in einen Pfeiler nahe der Orgel eingemeißelt. Links vom noch leeren Standplatz der großen Denkmalsorgel, deren Restaurierung nun alle Anstrengungen gelten sollen, befinden sich zwei Wandmalereien. Auf der einen davon trägt ein Doppeladler mit Krone ein Wappen mit den Blasinstrumenten des barocken Orchesters. Auf der anderen trägt ein Engel ein Wappen, auf dem sich ein Degen, ein Posaunenzug und ein Hauszeichen überkreuzen, dazu die Jahreszahl 1617 mit dem Namen M. HANS BIENSEN. Auf der Orgelempore selbst steht ein wahrscheinlich sehr altes Sängerpult.
Die kirchenmusikalische Arbeit der letzten zwei Jahrzehnte wurde in St. Stephani und den umliegenden Gemeinden von Frau Kantorin GERTRAUT SCHNEYER geprägt. Die Konzerte der von ihr geleiteten Osterwiecker Kantorei waren und sind durch alle Jahre die Konstante und der Generalbaß eines sehr vielseitigen Musikprogramms, das auch in der Bauzeit der Kirche in jedem Sommer Tausende von Zuhörern in die Kirche zog. Frau SCHNEYER Kirchbauverein war dabei vielseitig selbst an der Computerorgel, mit der Flöte und am Key-Bord tätig. Dem Gemeindegesang in der denkwürdigen Christvesper dieses Jahres gab sogar Frau Pastorin GÖBEL auf der Trompete zusätzlichen Glanz.
Die Kirchengemeinden fürchten sich vor der Zeit, in der Frau SCHNEYER Mitte des Jahres 2000 in den Ruhestand gehen wird. Deshalb ist die Restaurierung der großen Orgel eine so wichtige Voraussetzung dafür, daß die Kirchenmusikerstelle in Osterwieck wieder besetzt wird.
Die vielen Musikensemble, die seit 1994 in St. Stephani auftraten, können nur der Reihe nach aufgeführt werden:
MÜNCHENER KAMMERORCHESTER; KANTOREI BLANKENBURG - ASCHERSLEBEN; I MUSICI DI ROMA; ORIGINAL-SCHWARZMEER-KOSAKENCHOR; KAMMERKONZERT MIT LEIPZIGER UND DRESDENER KÜNSTLERN; HARLEM SPIRITUAL ENSEMBLE; CONSTANTIN MOTOI, PANFLÖTE; IVAN REBROFF; VOCALE ‘85-ENSEMBLE; PASSIONSMUSIK MIT DER JOHANNESPASSION VON SCHÜTZ; KONZERTCHOR BRAUNSCHWEIG: PETITE MESSE SOLENELLE; KAMMERCHOR „VERSUS“- DAS NEUE LIED; BAROCKORCHESTER „L’ ARCO“; THOMANERCHOR LEIPZIG; CHOR UND ORCHESTER DER SCHULE GOLDENE AUE, GOSLAR; CHOR DER KRIMKOSAKEN; MITTELDEUTSCHES KAMMERORCHESTER; KAMMERCHOR „CONVIVIUM MUSICUM“ HALLE; ORGELKONZERT MIT ALMUTH REUTHER; KAMMERPHILHARMONIE BERLIN; CAMERATA DE FRANCE MIT GUY TOUVRON TROMPETE; GERTRAUT UND DIETMAR DAMM, ORGEL; AUGSBURGER DOMSINGKNABEN.
Vorfreude und Ausblick auf Musik im Jahre 2000
Jetzt ist es an der Zeit, auf die musikalischen Veranstaltungen des Jahres 2000 hinzuweisen. Darunter ist eine Welturaufführung. Der in Wolfenbüttel und der Braunschweigischen Landeskirche bekannte emeritierte Landeskirchenmusikdirektor KARL HEINRICH BÜCHSEL bot im März 1998 an, eine Chorkomposition für das Jahr 2000 für St. Stephani zu schaffen. Er hat dies auf seine ganz unverwechselbare Weise getan und so werden wir in diesem Jahr das ganz auf St. Stephani Bezug nehmende Werk erleben dürfen. Die Partituren, deren Vervielfältigung durch ein Vereinsmitglied gesponsert wurde, sind schon unter dem BÜCHSEL’schen Kirchenmusiker-ad-hoc-Auswahlchor verteilt, die Proben beginnen demnächst.
10 Jahre Kirchbauverein St. Stephani
hier anklicken:
Tabelle 10 Jahre Kirchbauverein
|