Epitaphien

 

Die Steinepitaphien

Lippold XIII. von Rössing

Zahlreiche adelige Familien besaßen Güter in Osterwieck, darunter auch die von Rössing. Sie kamen im 14. Jh. aus dem Hildesheimischen, aus der alten Wasserburg Rössing bei Nordstemmen an der Leine, wo sie bereits um 1050 beheimatet waren, in das Bistum Halberstadt. 1398 belehnte Bischof Ernst von Halberstadt die Brüder Siverd und Dietrich von Rotthingen (Rössing) mit dem Erbmarschallamt im Stifte Halberstadt.

Für Osterwieck ist zunächst Lippold XIII. (1495 – 1568) von  Bedeutung. Auch er war Erbmarschall von Halberstadt, ab 1534 war er alleiniger Inhaber sowohl der mit Rössing bei Hildesheim verbundenen Güter, als auch des im Halberstädtischen gelegenen Besitzes bei Osterwieck, Suderode und Berßel. Sein prächtiges, farbig gefasstes, großes Steinepitaph über seiner Begräbnisstelle in der Stephanikirche schuf der Braunschweiger Bildhauer Jürgen Spinnrad. Obwohl nicht überliefert ist, dass Lippold XIII. an kriegerischen Handlungen teilnahm, wird er als geharnischter Ritter dargestellt. An beiden Seiten des Epitaphs sind die Wappen seiner Vorfahren und der Vorfahren seiner Ehefrau Ursula von Oldershausen zu finden. Die ebenfalls in Stein gemeißelte lateinische Inschrift beschreibt seine überragende Persönlichkeit und nennt als Todesdatum den 19. Februar 1568.

Zwei Epitaphien seiner Söhne sind ebenfalls in der Stephanikirche zu finden: Das Holzepitaph von 1568 des Barthold I. von Rössing und das Steinepitaph Ludolph I., des Erbauers des „Bunten Hofes“ in Osterwieck. Er und sein Bruder Jahn VIII. (sein Epitaph findet sich an der Kirche von Suderode) verfügten über große Einkünfte aus Kriegsdiensten  durch von ihnen ausgerüstete Söldnerheere in spanischen und französischen Diensten.

 Der Bürgermeister Eleman Elemannus Upling gehörte dem Rat der Stadt von 1590 – 1602 an. Noch als Stadtschreiber stiftete er 1589 das letzte der alttestamentlichen Emporenbilder „Daniels Traum“. Die Umschrift des Grabsteins bezeichnet ihn als einen gelehrten Mann von gewichtigem Rat. Die Familie spielte eine große Rolle in der Stadt.

Der Kämmerer Hans Elemann war von 1544 – 89 im Rat der Stadt, er stiftete 1589 das Emporenbild „Abrahams Opfer".

Der Bürgermeister Johannes Elemann Upling war von 1611 - 15 im Rat der Stadt. Er stiftete das Emporenbild „Verkündigung“ neben der Orgelempore. Dessen Tochter Anna heiratete 1627 Michael Hetling, das Wappen beider Familien befindet sich auf dem Schalldeckel der Kanzel.

Der Hans Egelmann am 4. Schlussstein im nördlichen Seitenschiff und der Mühlherr Hans Egelmann als Sandsteinrelief am Ostbogen der 1. Nordarkade könnte mit dem schon genannten Kämmerer Hans Elemann identisch sein.

Ludolf I. von Rössing, Sohn des Lippold XIII. v. Rössing, lebte von 1534-1595. Er und sein Bruder Jahn v. Rössing hatten 1568 vom Vater Lippold XIII. den Rössing’schen Besitz ererbt, der große Ländereien von Berßel bis Suderode und im Hildesheimischen um Rössing umfasste. Ludolf war Erbmarschall des Stiftes Halberstadt und Domherr. In dieser Funktion hatte er 1566 durch seine Zustimmung zur Wahl des protestantischen unmündigen Bischofs Heinrich Julius von Braunschweig an einer wichtigen Weichenstellung zur endgültigen Reformation im Bistum mitgewirkt. Er war der Bauherr des Mittelhofs in Berßel, des Bunten Hofes in Osterwieck und eines sehr ähnlichen Bauwerks in Rössing.

Von überregionaler Bedeutung war, dass die Brüder Jahn und Ludolf sich als „Kriegsunternehmer“ betätigten. Aus dem Jahr 1568 ist ein Bestallungsbrief des spanischen Königs Philipp II. für Jahn überliefert. Es ist das Jahr, in dem Graf Hoorn, Egmont und der Infant von Spanien hingerichtet wurden. Im gleichen Jahr starb auch ihr Bruder Barthold von Rössing auf der Heimreise aus Frankreich.

Die Ehe Annas von Stöckheim mit Ludolf I. v. Rössing ist vielleicht im Feldlager eines dieser Feldzüge besprochen worden, denn vermutlich kämpften Seband von Stöckheim und sein Sohn Wulbrandt von Stöckheim gemeinsam mit Ludolf I. von Rössing unter Feldmarschall Ernst von Mandelsloh als Rittmeister und Obristen um 1576 unter französischen Diensten in Flandern. In nur 14jähriger Ehe hatte das Ehepaar 4 Söhne und 3 Töchter.

 Erasmus Lakemachers Epitaph ist das eines Geistlichen. Von der Umschrift können wir nur noch lesen: „der Schule und Kirche treu gedient“ und „1597“. Im Jahr 1597 gab es in Osterwieck 2 Pastoren: Matthias Kastner als Oberprediger und Erasmus Lakemacher als Diakon. Beide starben während der Pestepidemie der Jahre 1597/98. Aus den Kirchenbüchern wissen wir, dass Erasmus Lakemacher 1597 starb und Mattheus Kastner mit seiner ganzen Familie der Seuche erst 1598 zum Opfer fiel.

Erasmus Lakemacher ist um 1544 geboren, studierte 1565 in Wittenberg und war ab 1568 in Osterwieck als Schulmeister tätig. Nach dem Tode des Oberpredigers Heinrich Winkel und dem Aufrücken des bisherigen Diakons Matthias Kastner auf die erste Pfarrstelle wurde Erasmus 1576 durch den Braunschweiger Superintendenten Chemnitius ordiniert und war seitdem in Osterwieck als Diakon tätig.

An einem Pfosten der Nordempore befindet sich sein vermutliches Wappen: die Initialen „E L“ mit dem „Zeichen der Ehernen Schlange“ zusammen mit dem seiner vermutlichen Frau „E W“, einer geborenen „Wicken“ aus der Kämmerer- und Bürgermeisterfamilie „Wicken“, umrahmt mit einem Lorbeerkranz. Daneben ein weiteres Wappen der Familie Lakemacher mit 3 Hähnen.

Der Grabstein des Pfarrers, der sein Leben unter das „Zeichen der Schlange“ gestellt hatte und dennoch an der Pest starb, gehörte zu den wenigen alten Epitaphien, die anlässlich der Fußbodenerneuerung 400 Jahre später geborgen werden konnten. Obwohl sehr zerbrochen konnte es doch wiederhergestellt und aufgebaut werden.

 

Die Holzepitaphien

Barthold von Rössing

Barthold von Rössing (1535-1568) war einer der Söhne des Lippold XIII. von Rössing, dessen Stein-Epitaph sich am rechten Chorbogen befindet.

Dieser hatte 1534 erstmals den beträchtlichen Landbesitz im Bistum Hildesheim und im westlichen Zipfel des Bistums Halberstadt von Wülperode über Osterwieck bis Berßel vereinigt. Zwei seiner Vettern waren 1516 am Komplott des Hildesheimer Stiftsadels mit dem Braunschweiger Herzog Heinrich d. J. beteiligt, das die folgenreiche Hildesheimer Stiftsfehde auslöste. Sein Sohn Ludolf (Bartholds Bruder) stimmte 1564 als Halberstädter Domherr für die Wahl des noch kindlichen Heinrich Julius von Braunschweig zum Halberstädter Fürstbischof. In den Jahrzehnten bis zum 30jährigen Krieg waren deshalb die Wolfenbütteler Herzöge auch Landesherrn des Fürstbistums Halberstadt. Die Rössings waren Lehensleute der Bischöfe von Halberstadt und Hildesheim, der Herzöge von Braunschweig, der Klöster Helmarshausen und St. Godehard, der Grafen von Stolberg und von Reinstein. Sie waren Erbmarschälle von Halberstadt und Erbküchenmeister von Hildesheim, fürstliche und bischöfliche Räte.

Blickfang des Renaissancekunstwerkes ist ein sehr qualitätsvolles Temperagemälde von der gewaltigen Vision des Propheten Hesekiel im „Tal des Todes“, einer für die jüdische und christliche Religion gleich bedeutsamen Errettungs- und Auferstehungsvorhersage. „Ich will einen Odem in euch bringen, daß ihr sollt lebendig werden“ ruft Gott den dort liegenden Gebeinen und den schon auferstandenen Menschen zu.

Neben den beiden Säulen befinden sich Wappen der väterlichen und mütterlichen Vorfahren bis zur Urgroßelterngeneration. Unter dem Bild sieht man eine Schrifttafel, darunter das Rössing´sche Wappen:

„Nach Christi Geburt 1568 ist der edle ehrenfeste und erbar Bartoldt von Rossingk nach deme er in der Franckreichischen widerreise mit Leibsschwachheit befallen, zur Linstat an der Lotringischen Grenz in Gott Entschlafen. alda er zur erden bestattet. Welches seligen Gelibte gebrüder Ian und Ludolph ime aus bruderlicher liebe Beinebe Beier von Rossingk so alhier begraben zu beider Seliger gedechtnus dis haben vorfertigen lassen"

Woran der erst 33jährige Barthold bald nach seinem in St. Stephani bestatteten Bruder Beier verstarb, erfahren wir nicht. Auch seine beiden Brüder Ludolf (sein Steinepitaph befindet sich im nördlichen Seitenschiff der Kirche) und Jan (Epitaph an der Kirche von Suderode) waren in mehreren Feldzügen mit ihren Söldnern in spanischen und französischen Diensten tätig Wir dürfen annehmen, daß Barthold im Zusammenhang mit der 1568 erfolgten Bestallung Jans von Rössing durch König Philipp II. von Spanien zum Rittmeister, die ihn ermächtigte für den in den Niederlanden kämpfenden Herzog Alba 400 wohlgerüstete berittene deutsche Schützen anzuwerben, seinen Bruder in den Niederlanden begleitete.

Das Röverepitaph

Hans Röver gehörte einer der bedeutendsten und auch wohlhabendsten Osterwiecker Familien an. Der Name dieser weit verzweigten Familie ist seit dem 15. Jh. in Osterwieck verbürgt. Ein „Rovere" oder „Roiber" soll mit einem Braunschweiger Herzog als dessen Diener aus Italien mitgekommen sein.

Die Rövers waren Bürgermeister, Bauherren und Gildemeister. In der Stephani-Kirche sind sie als Stifter von Emporenbildern fünfmal genannt, ihre Wappen befinden sich auf zwei der Pfeilerkonsolen, einem Schlußstein im südlichen Seitenschiff sowie auf einem Wappenstein am zweiten Nordpfeiler.

Hans Röver wurde am 16. Oktober 1599 vor den Toren der Stadt ermordet. Das Epitaph stifteten im Jahre 1600 Heinrich Röver und seine Schwester Ilsebe ihrem ermordeten Bruder zum Gedächtnis.

Ein unbekannter Maler hat das Gleichnis vom „Barmherzigen Samariter" nach dem Evangelisten Lucas dargestellt.

Unter dem Gemälde befindet sich ein Familienbildnis mit je zwei knienden Männern und Frauen, einem Mädchen und einem Wickelkind. Alle halten Kreuze in den gefalteten Händen. Es sind schon verstorbene Angehörige der Familie Röver, die in die Fürbitte für den Ermordeten Hans Röver mit einbezogen werden.

Der Text der Schrifttafel des Epitaphs lautet:

Anno 1599 den 16 octobris Ist Der Erbar undt Wolgeachter hans röver Des Erbarn undt Weisen Curdt Röver’s Sohn Durch Ionas undt Curdt Hessen Iemmerlicher Weise Erstochen Worden. Welchem Heinrich undt Ilsebe rövers Aus Bruderlicher undt Schwesterlicher Liebe Dieses Epitaphium zu Christlichem Gedechtnis Machen undt Setzen Lassen Anno 1600 CW.

Direkt über dem Gemälde sind in einer Reihe vier Wappen angebracht, als Bekrönung des Epitaphs befinden sich in zwei Reihen je zwei Wappen. Sie dürften die verstorbenen Großeltern väterlicherseits betreffen.

Die Restaurierung dieses Epitaphs im Jahre 2002 durch die Restauratorin Anja Stadler wurde durch die großzügige Unterstützung eines privaten Spenders ermöglicht.

 

Das Waldow Epitaph von 1644

 

 

Sophia, geborene von Waldow, geboren 1594, gestorben 1644 in Osterwieck. Tochter des Hieronymus von Waldow auf Bernstein und Haselbusch und der Maria, geborene von Knobelstorff. Mit 16 Jahren in erster Ehe 14 Jahre verheiratet mit Joachim von Steinwer, dieser Ehe entstammen drei Söhne, nach dessen Tod 2 Jahre Witwe, in zweiter Ehe mit Hans Christoff von Burgstorff, dieser Ehe entstammen zwei Söhne. Erkrankt in Osnabrück ein Jahr vor ihrem Tod („von Leibesschwäche befallen....").stirbt am 11. Juli in 1644 in Osterwieck und wird in der St. Stephanikirche bestattet.

Epitaph mit 3 BildernGottvater, Auferstehung und Kreuzigung und zwei Reihen von je acht Wappen:

von Waldow, von Wedel, von Borken, von der Osten, von Fleming, von Holtzendorff, von Bredow, von Arnim, von Knobelstorff, von Doberitzen, von Krachte, von Gerstorff, von Pomstorff, von Zeuchen, von Bussmer, von Ebersbach

Text unter der Bildtafel:
 „Dieses Epitaph ist aufgerichtet zum Ehren und Gedechtnis der weiland hochgeborenen, viel ehrenreichen und tugendsamen Frauen SOPHIEN, geborenen von Waldow aus dem Hause Bernstein des Hochgeborenen und manhafften, der Königl. Majst. zu Schweden bestallten Obristen und dero Halberstethische Garnisonen jetziger Governeuro HANS CHRISTOPHS von BURGKSTORFF, aus dem Hause DARTZOW und MELLENTIN Erbherrn, Eheliebsten so am ellfften July nach unsers Erlösers Christi Jesu gebühr 1644 allhier wohladelich zur Erden bestellet geworden. Ihres Alters im funffzigsten Jahre, welcher Seele in die Handt des Allmechtigen Gottes, der dem leibe auch am Jüngsten Tage eine fröliche aufferstehung zum Ewigen leben verleihen wolle. Um Jesu Christi Willen Amen

Die von Waldow:

Uradel des bayr. Nordgaus, seit 1223 urkundl. nach der Burg Waldau bei Vohenstrauß, seit 1344 in der Mark Brandenburg. Eines der ältesten deutschen Adelsgeschlechter, großer Grundbesitz, gelangte zu großem Ansehen, im Laufe der Zeit weit verbreitet, Schloß Waldau in der Oberlausitz bei Görlitz. Seit Mitte 14. Jh. neumärkisch-pommersche Linie, Grundbesitz auch in Pommern, Ost- und Westpreußen. Wappen: silbernes, schräg rechts gestelltes Pfeileisen

 

 

 

Totenschild v. Weferling

 

 

 Noch nicht restaurierte Epitaphien

Außer den Epitaphien, die unter erheblichen Kosten nach 1989 schon restauriert werden konnten, warten in St. Stephani weitere Holzepitaphien auf die Restaurierung.

Es sind dies die Epitaphien des Curdt Mullers von 1611, des Jahn von Weverling und der Gertrud von Kneitling von 1613, des Kämmerers Peter Hetling von 1619, der Kinder Pichler von um 1635, des Andreas u. der Catharina Klincin von um 1635, und der Eheleute Behrens/Balders von 1681.

Die Pastorenbilder

Ein Erbe aus der Zeit der „königlich-preußischen Superindentur" sind 10 Pastorenbilder in sehr aufwendigen Rahmen. Sie hingen bis 1989 im Chorraum und warten jetzt auf Restaurierung und Aufhängung an geeigneterer Stelle in der Kirche.

Jonas Nicolai, geboren 1594, war von 1627 bis zu seinem Tode im Jahr 1647 Oberprediger von St. Stephani.

Dieses große Bild des Jonas Nicolai wurde von Michael Räuscher auf eigene Kosten restauriert und hängt jetzt auf der Nordempore neben dem Eingang zur Bibliothek.